Der Schatz der Kobolde
Geschrieben von Flowerstar, Hoshi, Moondancer, Raindrop, Treedreamer und Windfeder am 6. Mai 2000 auf der Burg Stahleck
"Komm zurück! Nicht so weit raus schwimmen!" rief Talup. Sein jüngerer Bruder war schon fast
nicht mehr zu sehen. Nur noch ab und zu schimmerte Olmos silbrige Haut zwischen den aufgepeitschten Wogen hindurch, bis sein
bläuliches Haar in der Flut verschwand. "Ertrink doch, meinetwegen! Glaub bloß nicht, daß ich dich noch
einmal rette!" schrie er ihm hinterher, obwohl er wußte, daß er verpflichtet war, genau dies zu tun.
Als die Wellen mit ungebändigter Kraft immer höher an die Klippen schlugen, glaubte er, Olmo ein letztes Mal
auf der Krone einer mächtigen Welle zu erkennen. **Hilfe!** hallte es im gleichen Augenblick in seinem Geist wider.
Die Welle schleuderte Olmo auf die Klippen zu, und er prallte hart gegen einen Felsvorsprung. Mit letzter Kraft klammerte
er sich fest, zog sich, ganz gleich wie die Finger auch schmerzen mochten, empor - in eine Höhle! Völlig
außer Atem und halb besinnungslos versuchte er, in der Dunkelheit irgend etwas zu erkennen. Aber alles, was er
spürte, war der harte, trockene Stein, auf dem er ausgestreckt lag. Im offenen Meer hätte der junge Delphinelf mit
ein paar schnellen Flossenschlägen das Weite gesucht, doch in diesem befremdlichen Element waren solcherlei
Bemühungen vergebens.
**Du fauliges Stück Fisch! Wo steckst Du?** sendete Talup. Nach ein paar Herzschlägen kam die verzweifelte
Antwort: **Ich kann mich nicht bewegen! Mir ist so trocken um die Flosse!** Talup schwankte zwischen Erleichterung und Panik,
denn jetzt hatte er ein Problem. Für das, was er seinem Bruder jetzt erklären mußte, war Olmo eigentlich viel zu
jung. Er war ja noch fast ein Kind. Wenigstens konnte Talup erkennen, daß Olmo in einer hochgelegenen Öffnung
festsaß, da die große Flutwelle abgeebbt war.
**Nun hilf mir doch endlich!** Talup fühlte sich seiner Rolle als Aufklärer nicht gewachsen. Nur waren ihre
Eltern weit entfernt, so daß er zögernd zu senden begann: **Also... du mußt dich... wandeln. Konzentriere
dich auf deine Schwanzflosse und stelle dir mit deiner ganzen Kraft vor, sie wäre zweigeteilt.** **Ich versuch's!**
antwortete Olmo, und im gleichen Moment veränderte sich seine Gestalt, und es formten sich Beine. Olmo schaute erstaunt
an sich herab. Und ganz von selbst begannen sich Füße zu bilden, sowie etwas anderes, was er sich erst recht nicht
erklären konnte. **Nun steh auf!** Olmo versuchte wacklig, auf seinen beiden neuen Füßen zu stehen. Dies
gelang ihm auch, indem er sich mühselig an der Wand hochzog. Er konnte sich tatsächlich auf diesen merkwürdigen
Gliedmaßen halten. **Hurra! Es klappt, ich... aargh!** Dann Stille.
**Was ist los? Olmo??** Doch es kam keine
Antwort. In was für Schwierigkeiten der Junge jetzt wohl wieder stecken mochte! Etwas bewegte sich am Höhleneingang.
Olmo? Nein, ein kleines rundes, borkiges Gesicht erschien über der Felskante - und war im nächsten Moment auch schon
wieder verschwunden. Schlagartig wurde Talup bewußt, daß sich sein Bruder in ernsthafter Gefahr befand. Der
Felsvorsprung war viel zu hoch, als daß er ihn hätte erreichen können. 'Ich muß Hilfe holen', schoß es
ihm durch den Kopf, und er tauchte unter. Ja, Olmo befand sich tatsächlich in Schwierigkeiten. Er war auch schon gar nicht
mehr bei Bewußtsein, als er von zwei kleinen, stämmigen Gestalten ins Innere des Felsens geschleppt wurde.
Für Talup verging eine Ewigkeit, bis er seine Gefährtin Laní auf dem Rückweg vom Fischen traf, die
er sogleich bat, die Delphine zu Hilfe zu rufen. Laní verstand sich wie keine andere ihres Stammes auf die Sprache
dieser Tiere. Zwei der schnellsten Delphine zogen die beiden Elfen, die sich an den Rückenflossen festhielten,
zurück zu der Klippe. Mit gewaltigen Sprüngen schossen die hilfsbereiten Freunde der Elfen einer nach dem anderen
hinauf zum Höhleneingang, wo sich die beiden mit einer raschen, kräftigen Bewegung an den Felsvorsprung klammerten,
der auch schon Olmo das Leben gerettet hatte. Nach der Gestaltwandlung drangen Talup und Laní mit Netz und Harpune
bewaffnet in die Finsternis der Höhle vor.
Olmo erwachte durch das heftige Dröhnen und Stechen in seinem Kopf, öffnete die Augen, und im Licht von Fackeln
wurde er sich seiner eigentümlichen Umgebung bewußt: Wie eine Statue lag er inmitten von glitzernden Steinen,
schimmernden Perlen und anderen funkelnden Gegenständen. Voller Furcht wagte er nicht, sich zu rühren. Benommen
empfing er das schwache, aber vertraute Senden seines großen Bruders. **Olmo? Wo bist du? Laní und ich sind
hier, um dir zu helfen.** **Na, hier drinnen! Und paßt bloß auf diese widerlichen braunen Kerle auf, die mich
hierher geschleppt haben.** **Bleib, wo du bist. Wir sind auf dem Weg.**
Lanís und Talups Augen hatten sich gerade an die Dunkelheit gewöhnt, als ein dunkles, stämmiges Etwas mit
funkelnden Augen auf sie zusprang. Ohne nachzudenken warf Talup seine Harpune dem Angreifer entgegen. Von der Waffe getroffen
taumelte die Gestalt auf die Elfen zu, welche zur Seite sprangen. Reflexartig ließ Talup das Harpunenseil los, noch
bevor das tödlich verwundete Wesen die Klippe hinabstürzte.
Nach diesem überraschenden Angriff drangen
Laní und Talup weiter in die Höhle ein, wobei sie bald auf eine Biegung trafen. Vorsichtig tasteten sie sich
heran, und Laní spähte in den dunklen Gang hinein. **Kannst du etwas erkennen?** sendete Talup fragend. **Ich
sehe noch so einen Kerl, vor dem uns Olmo gewarnt hatte.** **Und was tut er?** **Ich weiß es nicht genau. Er hockt auf
dem Boden und knabbert an etwas schwarzem mit ledrigen Flügeln. Er scheint nicht bewaffnet zu sein. Ich werde mein Netz
über ihn werfen und es dann zuziehen.** Talup nickte, und sie schlichen sich näher heran.
Olmo, in seinem Gefängnis kauernd, hörte mit seinen empfindlichen Elfenohren dumpfe Geräusche und ein
wildes Knurren. Angst befiel ihn erneut. Er befürchtete, daß sein Bruder und seine Gefährtin wegen ihm
verletzt sein könnten - oder schlimmeres! Doch in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und er sah beide
unversehrt vor sich stehen. "Den Hohen sei dank, wir haben dich gefunden!" rief Talup erleichtert aus und fuhr dann
schärfer fort: "Du einarmige Krake, kann man dich denn keinen Flossenschlag lang alleine lassen? Das war das letzte Mal,
daß ich dich gerettet habe!" Olmo lächelte; das hatte er schon so oft gehört. Talup zog Olmo aus dem Berg
glänzender Kostbarkeiten, und sie verließen die Höhle, nachdem sie den Gefangenen mit Hilfe des Netzes in
die Kammer geschafft hatten. Bis zum Höhleneingang verfolgte sie sein Gezeter.
"Ich will dir noch eine Chance geben, da ich denke, du hast heute endlich mal etwas gelernt. Spring ins Meer, du wirst
deine Flosse wieder haben, und dann schwimm nach Hause!" Olmo schaute seinen Bruder fragend an. "Allein? Wollt ihr
hierbleiben? Was ist, wenn sich der braune Kerl wieder befreit?" "Den habe ich gut verschnürt!" lachte Laní. "Schwimm
nur vor!"
Zum ersten Mal in seinem Leben folgte Olmo ohne viel Widerspruch, konnte sich aber, als er wieder Wasser um die Flosse
hatte, einen Blick zurück nicht verkneifen. Er sah Talup und Laní noch immer unverwandelt auf dem Felsvorsprung
stehen; eng umschlungen sanken sie zu Boden. Olmo nahm sich vor, seinen Bruder nochmal genauer nach dem Sinn dieser
Formwandlung zu fragen, denn er hatte das Gefühl, daß Talup ihm doch einiges verschwiegen hatte.
Text © 2000 Flowerstar, Hoshi, Moondancer,
Raindrop (regentropfen73 at yahoo.de),
Treedreamer, Windfeder
Basiert auf Elfquest von WaRP Graphics.
Letzte Änderung im November 2005.