PilgerfahrtEine Kurzgeschichte von Inna Janssen und Dennis MaciuszekEs begab sich zu einer Zeit kurz vor den Semesterferien - ich hatte die meisten Prüfungen hinter mich gebracht - daß ich mich auf die Suche nach Gott machte. Im Grunde genommen war's nicht schwer zu finden: Ich fuhr mit der "2" zum Hauptfriedhof, und von dort aus sind es nur 15 Minuten zu Fuß, wenn man zügig geht. Die Pforte zu Seinem Reich war ein gewaltiges gußeisernes Tor, welches den Eingang zu einem weitläufigen, alten Grundstück versperrte. Eine Messingtafel gab die Sprechzeiten an: "Mo - Do 10-12 Uhr, Do auch 14-16 Uhr". Gottseidank, ich konnte eintreten! Ein mit Ranken überwachsener Pfad führte nach mehreren Schritten an ein majestätisch vor mir aufragendes Zelt, farblich ganz in düsterem Blau gehalten. Mit aufgeklebten Sternen, aus Alufolie ausgeschnitten. Eine wackelige Treppe führte seitlich hinauf. Beim Erklimmen derselben war mir ein ums andere Mal bange, abzustürzen - vermutlich ein schnellerer Weg, in das Himmelszelt zu gelangen. Endlich oben angekommen schob ich die blaue Plane zur Seite. Ich wagte kaum, meinen Augen zu trauen, ob des Anblicks, der sich mir bot: Blondgelockte Damen in weißen Netzstrümpfen baumelten an festen Hanfstricken um ihre Taillen vom Dach der mitternachtblauen Zeltkuppel. Eine Gruppe aus vier bis fünf leichtbekleideten Blondinen zupfte alte Akustikgitarren und interpretierte die zeitlosen Klassiker der Doors. Zumindest versuchten sie es. Ich schwang mich an einem unbelegten Seil zur gegenüberliegenden Seite der Halle und hangelte mich herab. Erstmal durchatmen - Puh! Da stand wie aus heiterem Himmel plötzlich Er vor mir! Für Seine gut und gerne 70, vielleicht 75 Jahre hat Er sich erstaunlich gut gehalten. Weißer Rauschebart, funkelnde himmelblaue Augen, und besonders die breiten Schultern machten Seine Erscheinung unsagbar männlich. Das etwas ausgeleierte weiße Hemd war am Kragen gerade so weit geöffnet, daß die ersten Brusthaare hindurchschienen. Selbstverständlich hatte ich mir als Vorbereitung auf das Treffen einen Text zurechtgelegt, den ich nun vortragen wollte. Aber in dem Moment war alles weg. Ich zitterte. Welche Frau auf Erden könnte hier die Ruhe bewahren? Doch dann legte Er Seinen kräftigen Arm um meine Schultern und geleitete mich durch ein unscheinbares Schlupfloch über eine weitere Treppe zu Seinem Büro direkt unterhalb des Zeltdachs. Ein letztes Comeonbabylightmyfire verstummte, als Er die Tür hinter uns beiden schloß. Wir waren endlich allein, in einem altmodisch möblierten Zimmer. Mein Gastgeber bat mich, in einem tiefen Ohrensessel Platz zu nehmen, während Er einen Teekessel aufsetzte. Im Fernsehapparat lief die x-te Wiederholung von Hellraiser III (die Szene mit dem Priester), aber ein Blick auf Seine gutsortierte Videosammlung zeigte mir, daß Er auch anderweitig gelagerte Interessen besaß. Die Peitschen an der Wand taten ein übriges. Aber deswegen war ich um Himmels Willen nicht gekommen. Ich wollte ein ein für allemal klärendes Gespräch. Als ich es mir schließlich bequem gemacht hatte, kehrte wieder ein Stück meiner Selbstsicherheit zurück. "Lieber Gott", begann ich unverfänglich, "ich habe Sie aufgesucht wegen..." - "Einfach Manfred." Oh Gott! Der HERR bot mir geradeheraus das "Du" an. Ich konnte natürlich nicht nachprüfen, ob Er mir seinen tatsächlichen Namen genannt hatte, aber es entkrampfte die Stimmung ungemein. "Ähm, es ist so, daß ich zweifle... Ich bin mir nicht sicher, ob es den wahren Glauben gibt. Ob sich wirklich alles so abgespielt hat vor zweitausend Jahren. Und gibt es ein Leben nach dem Tod?" Ich blickte zu dem älteren HERRn auf, und als Er mir mit einem gütigen Nicken Seine ungeteilte Aufmerksamkeit versicherte, fuhr ich - ein wenig verzweifelter als es klingen sollte - fort: "Ich meine, dieser 'Himmel' scheint mir doch nichts weiter als ein ausrangiertes Zirkuszelt? Die 'Engel' können überhaupt nicht fliegen. Und, äh, 'Du' bist vermutlich nichts weiter als ein Scharlat..." Da schnitt Er mir glücklicherweise das Wort ab, bevor es peinlich wurde. "Jaja, mein Kind, sicher ist vieles in der Bibel übertrieben. Aber ist es nicht der Glaube an Wunder, der den Menschen Gelegenheit bietet, ihrer gefühllosen Welt zu entfliehen? Menschen eine Richtung weist, in einem trostlosen Leben? Das versuchen wir ihnen zu bieten." Er muß gespürt haben, daß ich damit nicht zufrieden war, deshalb fügte Er rasch hinzu: "Und außerdem: Über ein paar überirdische Tricks verfüge ich schon..." Der HERR servierte einen Haschtee, da konnte ich nicht nein sagen. Nach einem vorsichtigen Schluck aus der dampfenden Tasse fühlte ich mich befreit genug, um, nicht ohne spöttischen Unterton, weiter nachzuhaken: "Ach ja, was denn zum Beispiel? Kannst Du mich vielleicht hypnotisieren, oder sowas?" Woraufhin er ein kleines Pendel aus einer Schreibtischschublade hervorkramte - "oh ja..." - und es bedächtig vor meinen Augen hin- und herschwenkte. Hin und her... Her und hin... Keine Wirkung, die sich ergab, nicht die geringste! Das bestätigte nun sämtliche Vorurteile, die sich in mir aufgestaut hatten. Über diesen bizarren, verlogenen Ort. Und diesen Alten, der sich Gott nannte. Oder Manfred. Und dem es einen perversen Spaß zu bereiten schien, mich - und vermutlich die halbe Weltbevölkerung - an der Nase herumzuführen! Ich nahm noch einen kräftigen Schluck von dem betäubenden Gebräu und verließ eilig und ohne ein Wort des Abschieds den Raum. Nun furchtlos rannte ich die steile Treppe hinunter, schlüpfte leicht und locker unter einer Zeltplane hindurch und stand im Freien. Helles Licht blendete meine empfindlichen Augen. Dann durch das Eingangstor - ich machte mir gar nicht erst die Mühe, es wieder zu verschließen - zurück in meine Welt. Das war doch meine Welt? Meine Stadt? Die Straße, der ich vorhin gefolgt war? Nein, alles war auf einmal ganz anders! Völlig neue Farben berührten mich auf höchst angenehme Weise. Ein lange vermißtes Glücksgefühl durchströmte meinen Körper. Dann hoppelte ein Känguruh an mir vorüber. Wie schön, sonst traf man hier nur die allgegenwärtigen Stadtkaninchen an. Berauscht an der Vielfältigkeit von Mutter Natur lief ich in Richtung des Parkplatzes, um mein Auto abzuholen. Nein, Laufen ist zu wenig, ich konnte riesige Sprünge machen, wie das Känguruh! Unglaublich. Die abgestellten Fahrzeuge wirkten unnatürlich groß, ich erkannte meins kaum wieder. Nicht einmal der Schlüssel paßte noch, was war geschehen? Um Panik keine Chance zu geben, versuchte ich, einen klaren Gedanken zu fassen. Der einzig logische Schluß: Dies war gar nicht mein Auto! Strenggenommen habe ich gar kein Auto, ich war mit der Straßenbahn gekommen! War der alte HERR doch ehrlich gewesen - die ganze Zeit über? Bin ich jetzt hypnotisiert, fühlt sich das so an, macht sich so etwas erst im nachhinein bemerkbar? Neugier und Schuldgefühle gleichermaßen trieben mich dazu, Ihn schnellstmöglich nochmal aufzusuchen. Kann ich eventuell sogar fliegen? Ich nahm einen schwungvollen Anlauf, stieß mich ab und erhob mich mehrere Meter über den Boden. Es war ein herrliches Gefühl, durch die Lüfte zielstrebig dem Himmelszelt entgegenzuschweben. Ich mußte Ihm unbedingt berichten, was Er mir für ein Geschenk gemacht hatte. Voller Übermut nahm ich gleich den direkten Weg auf die Zeltspitze zu - und prallte gegen eine Plastikwand! Die schreckliche Erkenntnis, nun doch abzustürzen, am Boden aufzuschlagen und mein junges Leben viel zu früh auszuhauchen, gab mir meine Sinne zurück. Ja, ich stand auf der Erde. Ich war aber nie wirklich geflogen, nur vor die Zeltwand gelaufen. Ich rieb mir die Augen. Ja klar, der Tee! Ich hatte soeben einen Trip durchlebt. "Ein wahrhaft göttlicher Rausch", kicherte ich. Er hatte abermals versucht, mich hinters Licht zu führen! Aber Moment! Bewirkt denn Cannabis solcherlei Halluzinationen? Fliegen? Nein, sicher nicht...
Da nahm ich eben den herkömmlichen Weg, der
mich schon einmal zu Ihm gebracht hatte. Ich traf den alten HERRn in seiner
Kammer an. Nervös bat ich noch einmal, Seine Zeit beanspruchen zu
können. Er freute sich, mich zu sehen! Also erkundigte ich mich nach
den Drogen. Schnell gab Er zu, "dieses und jenes" beigemengt zu haben.
"Ein sehr altes Hausrezept...", erklärte der Mann. Und weil
ich die erste wäre, die Seinem Wirken ein derart frommes Interesse
erweisen würde (ich fühlte mich herrlich geschmeichelt - der
erste Mensch, der mich nicht als "neugierig" bezeichnete!), dürfte
ich einen Blick in sein Laboratorium werfen. Zum Abschied tauschten wir
noch unsere E-mail-Adressen aus, und ich machte mich endgültig auf
den Heimweg.
Text © 1999 Dennis Maciuszek (regentropfen73 at yahoo.de) und
Inna Janssen
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