Ein neues Leben
Eine Elfquest-Fangeschichte von Raindrop mit einer Zeichnung von Wasserstern
~Ratsch!~
Ein kräftiger Schnitt durch den Kokon legte das Gesicht des
Mädchens frei. Grelles Sonnenlicht ließ sie mehrmals blinzeln,
und Augenblicke später nahm die Umgebung deutliche Formen an: Sie
lag inmitten feuchten Schilfgrases am Rande einer grünen, sumpfigen
Wiese. Ihr entfuhr ein kurzer Seufzer: Irgendwo auf der Welt der Zwei
Monde - weit weg von jenem dunklen Ort, ihrem Zuhause.
Urplötzlich wurde sie der Gestalten um sich gewahr. Große
stämmige Männer, zudem bewaffnet mit Klingen, Lanzen und hölzernen
Schilden, starrten auf das Mädchen herab. Der Ausdruck auf ihren braunhäutigen
Gesichtern war schwer zu durchschauen, doch die weit aufgerissenen runden
Augen flößten ihr Furcht ein. Hastig begann sie, die klebrige
Masse des Kokons von ihren zierlichen Gliedmaßen zu streifen - da
saß schon das lange Messer auf ihrer Brust!
Der Anführer der Gruppe hielt die Waffe mit den fünf Fingern
seiner rechten Hand fest umklammert. Keine Möglichkeit, selbst für
sie, sich mit einer geschickten Bewegung aus der bedrohlichen Situation
zu befreien.
'Sind das Menschen?', schoß es ihr durch den Kopf. 'Ich denke,
Menschen sind zu dumm, um scharfe Waffen zu führen? Und hieß
es nicht, ihre Haut wäre pelzig?' Die bunte, mit allerlei Federn verzierte
Kleidung des Mannes wirkte sonderbar, unangemessen. 'Und Menschen', erinnerte
sie sich, 'sind wilder als Tiere. Sie töten ihre eigene Art!'
**Gleich sticht er zu, was soll ich bloß tun?**, sendete
ihr Geist ins Leere. Eine weibliche Fremde mit struppigem Haar und Ohrschmuck
aus Knochen rief dem Vordersten Worte in einer eigentümlichen rauhen
Sprache zu. Die Kriegerischen zeigten mit ihren dicken Fingern auf das
noch immer eingesponnene Mädchen. Sonnenlicht strahlte von den Spitzen
ihrer scharfen Speere zurück und blendete sie!
In ihrem Geist entfachte das die entsetzliche Vision vom nahen Ende
eines kurzen und enttäuschenden Lebens. Nicht bereit, ihrer Seele
die letzte Reise zu gestatten, fühlte die Erwachte nun wieder die Kraft
in sich aufwallen. Sie brachte ihr Innerstes zum Kochen, durchstieß
das Netz aus Fäden und grub ihre Fingerspitzen wie Krallen in die
dicken Oberschenkel des Anführers der Rundohren. Dann gab sie ihren
großen aufgestauten Seelenschmerz an dessen Glieder weiter.
Ein markerschütternder Schrei des vormals so starken Mannes
donnerte über die Lichtung! Er brach zusammen und blieb reglos in
dreckigem Matsch liegen.
Das Mädchen hingegen hatte sich schon den restlichen Klebstoff
vom Leib gerissen. Sie schwang sich auf die Füße, griff noch
den schützenden Schild des Besiegten - und rannte los. Sie rannte
und rannte, rannte um ihr kleines unbedeutendes Leben, immer weiter in
Richtung Nabe des großen Himmelsrades. Dorthin, wo keine
Sonne scheint...
Wie ein Floh lief und sprang sie kreuz und quer
über den tiefen Morast, der einem weniger leichten Wesen eher früher
als später zum Verhängnis geworden wäre. Erst als sie sicher
sein konnte, daß ihr niemand mehr folgen würde, hielt sie keuchend
an.
Eine frische Böe fuhr durch ihr langes Haar und brachte die
Blätter eines nahegelegenen Waldes zum Rascheln. Wie lange war sie
gelaufen? Der ausgiebige Schlaf hatte ihr ungeahnte Kräfte verliehen,
doch jetzt übermannte sie die Erschöpfung. Dankbar nahm sie Platz
auf einem Bett aus Moos, das die fremdartige Wildnis ihr hinterlassen hatte.
Sie entledigte sich des erbeuteten Schildes, streckte Arme und Beine von
sich und besann sich wieder auf ein gleichmäßigeres Atmen.
Mit Einbruch der Dämmerung war es merklich kühler geworden.
Die wenigen Lebewesen, die in den Sümpfen hausten, hatten sich in
unsichtbare Schlupflöcher zurückgezogen. Bis auf ein Lüftchen,
das sich hin und wieder regte, herrschte Totenstille.
Ein wohliges Gefühl, das sie nie erfahren, aber doch immer
vermißt hatte: Allein unter freiem Himmel zu ruhen. So konnte sie
das Dasein ertragen.
Mit ihren scharfen Sinnen horchte das Mädchen in die Welt um
sie herum.
"Geboren erkoren enttäuscht und verloren"
Ein kaum wahrnembares Flüstern schlich sich an ihre empfindlichen
Ohren.
"Auf kaltem Felse sitzt es still
ein Vöglein das nicht fliegen will"
Da war es wieder, ein zittriges Wispern, deutlich zu vernehmen. Wer?
Wer konnte das gesagt haben? Schaudernd fragte sie sich, ob dies wirklich
der verlassene Ort war, für den sie ihn anfangs gehalten hatte.
Ihr Blick schweifte über das Feld aus Moos und Gräsern,
das verborgen lag inmitten von Wäldern, deren ältere Bäume
aus der Ära der Erstgeborenen stammen mußten. Sofern das denn
möglich war. Während ihres Schlafes im Innern des Kokons hatte
das Mädchen jegliches Gespür für die Zeit verloren.
"Gespottet gemunkelt gefangen im Dunkeln"
Geradezu hämisch kichernd wehte es nun herüber. "Lacht
ihr über mich?", fragte sie in sich selbst hinein, nicht in der Lage,
jemanden bestimmtes anzusprechen. Nicht, daß die Stimmen die ersten
gewesen wären, die sie für das tadelten, was sie war. Und was
sie nicht war.
"Niemals sehen wird den Tag
ein Vogel der nicht fliegen mag"
Nun war es deutlich gewesen. Das Singen mußte aus einer Reihe
von Büschen mit auffällig breiten und flachen Blättern kommen.
Behutsam kroch das Mädchen näher an das Kraut, blieb aber in
sicherer Entfernung auf dem feuchten Moosteppich liegen und beobachtete.
Jetzt erkannte sie den Ursprung des unheimlichen Pfeifens! Wann
immer der Wind heulend durch die löchrigen Blätter fegte, sang
er bruchstückhaft von ihrer schmerzhaften Vergangenheit vor der Gefangenschaft
in dem klebrigen Etwas. Die Erinnerungen begannen, die Einsame wieder einzuholen.
Nur ergaben sie in diesem Moment noch keinen rechten Sinn.
"Verkannt verdammt verjagt verbannt"
Lebende Pflanzen hatte sie damals nicht um sich gehabt, daher auch
nie den Versuch unternehmen können, mit welchen zu sprechen. Und so
trafen die harten Worte das verängstigte Mädchen unvorbereitet
- wie ihre Kraft einen ungeschützten Körper.
"Ins Nest der Ahnen nicht gehört
der Vogel der nie fliegen wird"
**Aufhören!** Sie wollte schreien, die schmalen Hände auf
ihre Ohren pressen, doch die Müdigkeit hatte sie längst gelähmt.
Schon die ganze Zeit über war sie der Traumwelt näher gewesen
als der Wirklichkeit.
Ein stampfendes Geräusch riß das
Mädchen aus ihrem Schlaf. Ein erstes stutziges Augenzwinkern, und
sie wurde beinahe erschlagen vom gleißend hellen Licht der Mittagssonne!
Der Entschluß, diesen Ort so bald wie möglich zu verlassen,
stand unmittelbar fest. Wohin aber sollte sie sich wenden?
Schnell entdeckte sie die Fährte eines Tieres - eines mächtig
großen Tieres! - das während der Nachtruhe ihr Lager durchquert
haben mußte. Ob die breiten Füße, die sich tief in den
weichen Boden gedrückt hatten, vielleicht von Riesenfalken stammen
konnten, vermochte sie zunächst nicht zu sagen. Immerhin: Sie wiesen
ihr einen Weg durch die Wälder.
Einige Wechsel von Tag und Nacht folgte sie der Spur des fremden
Wesens in Richtung untergehende Sonne. Anfangs war noch deutlich
zu erkennen, wie ihr unbekannter Führer sich durch das Unterholz gekämpft
hatte. Umgeknickte Zweige und zertretene Büsche pflasterten seinen
Weg. Selbst kleine Bäume fand sie entwurzelt vor.
Den Schild des Menschen hätte sie beim Aufbruch an sich zurücklassen
können. Zu was hätte ihr der Ring aus Holz, bespannt mit einer
verzierten Lederhaut, auch nütze sein sollen? Das Kämpfen war ihr
nie beigebracht worden. Aber auf wundersame Weise zog sie das bunte Symbol
auf der Vorderseite in seinen Bann: Helle und dunkle zusammengeflickte Rechtecke - wie
die Finger zweier Hände, die ineinanderfaßten. Merkwürdig, eine Hand mit vier breiten
Fingern, die andere mit drei länglichen, schmalen.
Auf ihrer Wanderung gewann das Mädchen tiefe Einblicke in das
Wesen des Waldes. Sie fand heraus, welche Beeren süß und schmackhaft
waren und welche man besser den Vögeln überließ.
Ein Strauch trug reife purpurfarbene Früchte, deren Verzehr
ihr tatsächlich einmal einen Hauch von Freude bescherte. Für
eine Weile tollte sie vergnügt durchs Unterholz, schluckte eine Beere
nach der anderen - bis zur Übelkeit. Dann begann die Welt um sie zu
verschwimmen, alles schien seltsam verdreht. Die bösen Erinnerungen
an die Nacht im Moos kehrten zurück. Auch diese Art von Pflanzen würde
sie nicht mehr anrühren, soviel hatte sie gelernt.
Ja, irgendwie holte sie in der Wildnis jetzt alles auf, was ihr
in früheren Zeiten verwehrt geblieben war. Sie hatte sogar Kräuter
entdeckt, mit denen sie ihre Wunde bedecken konnte, als sie gedankenverloren
über einen Ast gestolpert war. Die Schmerzen waren am nächsten
Tag schon wieder vergangen! Aus Gründen, die die Hohen kennen
mochten, besaß sie ein Verständnis für solcherlei Dinge.
Die Wälder rechts und links des Pfades lichteten sich zunehmend,
während gleichzeitig das Land hügeliger wurde. Lange Wege über
steinigen Untergrund lagen nun vor ihr, und recht schnell mußte sie
feststellen, daß ihre schmalen Füße für Strapazen
dieser Art nicht bestimmt waren. Vermutlich hätte man diese Berge
ohnehin nicht am Boden überqueren sollen.
Der brennenden Sonne war sie mittlerweile schutzlos ausgeliefert,
so daß sie sich am Tag einen schattenspendenden Baum suchte und erst
nachts ihren Weg fortsetzte. Immer mehr machte ihr die Trockenheit zu schaffen.
Ein ums andere Mal mußte sie anhalten, weil die Knie weich wurden
und die Umgebung vor ihren Augen ihre festen Formen aufzugeben schien.
Alle Unsicherheit über die eigenartige Fährte, die sie
verfolgte, die unbekannte Welt, die vor ihr lag, und die schmerzhaften
Erinnerungen an vergangene Zeiten war längst einem schlichteren Bedürfnis
gewichen: Durst!
Inzwischen durchquerte die Reisende wieder bewaldetes Gebiet. Wie
lange mochte das wilde Tier gebraucht haben für die Strecke? Die Schritte
lagen weit auseinander. Und soviel verstand sie inzwischen, bei all den
Tierfährten, die sie gesehen hatte: Das Wesen mußte unheimlich
schnell sein.
Aber das kümmerte sie wenig. Schon nicht mehr richtig bei sich
aus Mangel an Wasser, trat sie schließlich in der Dämmerung
eines neuen Morgens zwischen zwei hohen, eigentümlich geformten Bäumen
hindurch auf eine ausgedehnte Lichtung.
Sie mochte ihr plötzliches Glück nicht glauben, als sie,
umgeben von frischen Wiesen und grünen Büschen, eine freundlich
glitzernde Wasseroberfläche erblickte. Einen See von gut und gerne
zehn
Spannen Länge, bei etwa drei in der Breite. Und alles Wasser nur
für sie!
Die halb Verdurstete sprang aus dem Dickicht hervor - und erstarrte
unweigerlich. Denn jetzt erkannte sie trinkend am Ufer gegenüber die
massige Silhouette des Wesens, dem sie seit Tagen auf der Spur gewesen
war! Die schlammig-graue Haut verschaffte ihm eine hervorragende Tarnung,
doch als es mit einem Ruck seinen monströsen, mit einem breiten Rückenkamm
versehenen Leib erhob, war es ganz Herr über seine Umgebung.
Das Ungetüm schwenkte den länglichen Kopf zu beiden Seiten,
beäugte, witterte. Nun setzte es seine langen Beine in Bewegung, und
das Mädchen schluckte: 'Hat es mich denn bemerkt?' Aufrecht watete
das Tier über die Wiese, hielt sich aber glücklicherweise auf
der ihr fernen Seite. So konnte sie beobachten, wie es sich jenseits des
Ufers einem üppig bewachsenen Baum zuwandte, den Hals in Richtung
der Wipfel reckte und begann, mit seinem schnabelartigen Maul die scheinbar
sehr schmackhaften bunten Blätter abzurupfen.
Das war die Gelegenheit! Behende glitt sie aus ihrem Versteck zwischen
den Bäumen und tastete sich lautlos bis zum Rande des Sees.
Ein Auge noch immer auf der Riesenechse, doch die rührte sich gar
nicht mehr, schien beinahe erstarrt.
Sie schöpfte mit beiden Händen Wasser und stürzte
es gierig herunter. Dann gleich noch ein zweites und ein drittes Mal. Als
ob sie den halben See ausschlürfen wollte! Lebenskraft durchströhmte
den geschundenen Körper. Erst jetzt nahm sie das saftige Gras und
die wild wuchernden Sträucher wirklich wahr. Und die eigenartigen
Bäume, deren Äste sich bogen und wandten, als wohnte eine Seele
in ihnen.
Es war hier angenehm kühl. Ein laues Lüftchen wehte um
ihre Nase. Sie tat einen langen erquickenden Atemzug. Dies war ein Ort
zauberhafter Ruhe. Ein Ort des Lebens. Erneut sammelte sie Wasser, um sich
zu erfrischen. Da spiegelte sich in den sanften Wellen der klaren Oberfläche
ihr Abbild.
Der schwarze Anzug, der sie von Brust bis Taille umgab, war, genauso
wie die blau gemusterte Hose, mächtig zerschlissen von verschiedenen
Klettertouren und dem Kriechen durch rauhes Dornengebüsch. Die weißen
geschwungenen Vogelfedern, welche ihre Schultern schmückten, hingen
teilweise geknickt herunter. Groß und dürr war sie. Mit einem
schmalen, blassen Gesicht und einem scheuen, dennoch durchdringenden Blick.
Ehrfurchtsvoll starrte sie in die eigenen weit geöffneten Augen:
Ein Blau, dunkler als die schwarze Nacht. Von einer unendlichen Tiefe,
die uralte Geheimnisse in sich barg. Sie hielt inne, in einem einzigen
Moment der Stille. Nicht erschrocken, denn wie eine blinde Fledermaus hatte
sie von jeher die Hindernisse wahrnehmen können, die sie umgaben.
Und doch blieb es ihr verwehrt, deren wahre Gestalt zu erkennen.
Verlegen strich sie mit den vier Fingern ihrer linken Hand durch
langes silbern glänzendes Haar, woraufhin die Spitzen ihrer schlanken,
wohlgeformten Ohrmuscheln zum Vorschein kamen.
Sie war eine Elfe.
**ANGRIFF!**
Kein verschlossenes Senden,
sondern klar zu vernehmen. Dann schoß ein Pfeil aus den Tiefen
der Wälder hervor, und gleichzeitig ein Speer. Letzterer traf die
Echse seitlich am Rücken. Der Pfeil war besser plaziert. Wie an einer
Schnur gezogen suchte er den kurzen Hals des Wesens, durchbohrte seine
Kehle. Das Ungetüm, aus seiner steifen Haltung nun befreit, röchelte
heftig und bäumte sich auf vor Pein!
Auf einem gegenüberliegenden Ast hatte die Beobachterin einen
Jungen ausgemacht, der dem Monster angestrengt in die Augen starrte. "Zauberblick,
das reicht!" Ein älterer Mann trat aus den Büschen hervor, dann
ein junger braunhaariger und die Bogenschützin - Elfen! Das waren
doch tatsächlich Elfen, die sie erblickte. Elfen wie sie!
Nein, nicht ganz wie sie. Sie waren so klein, die vier Gestalten.
Und die scharfen Befehle des Ältesten, der selbst nicht am Kampf teilnam,
klangen für ihre Ohren wenig elfenhaft. Jetzt hielt er seine groben
Hände wie einen Trichter vor den Mund, warf seinen Blick in die Ferne
und setzte zu einem tierischen Schrei an: "Ayoooah!" Bei den Hohen!
"Oooowwooooooo!" Das Gejaule wurde erwidert. Von einem Haufen weiterer
Bestien - Wölfe, die aus dem Dickicht hervorstoben, um die Verfolgung
der verwundeten Beute aufzunehmen. Das Leittier, ein zottiger grauer Riese,
hatte als erstes aufgeschlossen und sprang dem Gegner in den Nacken. Zwei
weitere, ein weißer mit leuchtend grünen Augen und ein brauner
langhaariger rissen das Ungetüm zu Boden und gruben ihre geschärften
Fänge tief in dessen schuppige Haut.
Ein hellgrauer Wolf mit glattem Fell und ein laut kläffendes
Jungtier schlossen als letzte auf. Da konnte die Echse noch so sehr mit
allen Vieren und ihrem gewaltigen Schwanz um sich schlagen, der geballten
Angriffslust der Meute war sie nicht gewachsen. Schließlich blieb
sie stumm und ohne ein weiteres Lebenszeichen am Boden liegen. Der wackere
Riese, der wie die zarte Elfe so lange durch die Tiefen der Wildnis geirrt
war, hatte seinen letzten Atemzug getan.
'Barbarisch!' Mehr fiel der Silberhaarigen zu der Szene nicht ein.
Da wurde ihr bewußt, daß sie schon viel zu lange mit offenem
Mund und großen Augen vor dem Gewässer gehockt hatte. Entsetzt
über die eigene Unachtsamkeit griff sie den bunten Holzschild, den
einzigen Besitz, den sie vor irgendwem in Sicherheit bringen konnte, und
machte sich auf, zurück in die Wälder zu flüchten.
"Warte", rief der älteste der wilden Elfen.
Entdeckt! Sie rannte, wollte einmal mehr ausreißen vor der Konfrontation
mit dem Unbekannten. **Heh, fremde Elfe!** Ein Senden ergriff ihre
Seele. Es fühlte sich weniger schlimm an als befürchtet. Sie
drehte sich noch einmal um. Der Anführer mit dem lockigen weißen
Haar und dessen drei Gefährten erklommen eine Plattform aus zusammengebundenen
Baumstämmen, die sie auf den See gelassen hatten. Noch auf sicherer
Distanz. Doch wenn sie damit schwimmen konnten, würden sie das Wasser
rasch überwunden haben.
"Bleibt mir vom Leib", entgegnete sie mit Zittern in der leisen,
hohen Stimme. Eher ein Zeichen der eigenen Hilflosigkeit als eine ernstzunehmende
Drohung.
Sie spreizte schon wieder ihre Hände, die Finger wie Krallen
gekrümmt, und sammelte Kraft. Es war ihr einziges Mittel zur
Verteidigung, und sie würde es ohne Zögern gegen jeden wirken
zu lassen, der ihr zu nahe kam.
Schmerzsenden hatten die Alten es genannt, das Gegenstück
zum Heilen. Eine seltene Gabe, die einem begnadeten Magier Macht
über Leben und Tod verlieh. Ihr kam nur eine andere Elfe in den Sinn,
bei der sie es ebenfalls erlebt hatte. Ein Schwall böser Erinnerungen
durchdrang das einsame Mädchen.
**Nun hab' doch keine Angst.** Eine neue Seele berührte die
ihre, holte sie in das augenblickliche Geschehen zurück. Die Seefahrer
hatten das nahe Ufer schon fast erreicht. Ihr Blick traf die ruhigen bernsteinfarbenen
Augen der Bogenschützin. Sie war es, die mit einem langen verformten
Ast das Boot geschickt über die Oberfläche gelenkt hatte. **Wir
wollen dir kein Leid zufügen.** Langsam ließ sie die Hände
sinken, nahm die Kraft zurück. Im Senden gibt es keine
Lügen.
Also blieb sie erst einmal stehen, bis die Fremden das Land betraten.
Bei Gefahr würde sie immer noch einen in die Knie zwingen und sich
dann aus dem Staub machen können. Vertrauen, gar sich selbst vertrauen,
das kannte sie nicht. Mit Ausnahme der dunklen Kräfte, die
in ihr schlummerten, auf diese war Verlaß.
"Wer, wer bist du?", fragte der Elfenjunge. Er war als erster abgestiegen
und kam auf sie zugelaufen, die anderen hinter sich lassend. Pah, als ob
sie ihm darauf eine befriedigende Antwort hätte geben können.
"Mich nennt man Graserfell", sprach der Älteste, nachdem er
sich um einiges beherrschter genähert hatte, "wegen meiner Locken.
Ich bin der Häuptling." Was denn Graser sein mochten, überlegte
sie geistesabwesend. Sie begann doch nicht, Interesse für diese Barbaren
zu entwickeln?
"Und ich heiße Zauberblick", mischte sich der Kleine ein.
Sie schätzte sich selbst auf zweimal dessen Alter. "Goldklang", lachte
ihr die Frau zu. Ihr helles Haar strahlte tatsächlich golden in der
frühen Morgensonne. Ihre Stimme war so klar und von einer natürlichen
Fröhlichkeit, wie sie das Elfenmädchen wohl nie erfahren würde.
"Ich bin Blautanne." Der Elf, der den Speer geworfen hatte, legte
der, die sie Goldklang nannten, den Arm um die Schulter. Er trug ein fein
gearbeitetes Lederhemd, das zu seinem braunen Haar paßte. "Zauberblick
ist unser Sohn", erklärte er voller Stolz, "Sohn von Erkennen."
Aus einem Waldstück hinter ihnen schlich sich der schneeweiße
Wolf aus dem Rudel heran, andere folgten. Blut um ihre Schnauzen zeugte
von dem Kampf jenseits des anderen Ufers, der bis vor kurzem getobt hatte.
Häuptling Graserfell fuhr mit den Erklärungen fort. Ganz
anders als während der Jagd schien er nun klug und bedächtig
seine Worte zu wählen: "Das Tier, das du uns gebracht hast, ist ein
Flossenrücken.
Im Grunde genommen ist er harmlos, aber ein furchtbarer Gegner, wenn
er sich verteidigen muß. Wir haben ihn lange beobachtet und dann
unseren Plan geschmiedet. Ohne Zauberblicks geistige Lähmung
hätten wir ihn nicht zur Strecke bringen können, aber auch so
war es ein Wagnis."
Das Elfenmädchen sagte keinen Ton, aber irgendwie mochte sie
es, den Häuptling reden zu hören. Sie spürte bei ihm eine
Aufrichtigkeit, die sie früher bei anderen ihrer Art vermißt
hatte.
"...und Blautanne ist Pflanzenformer. Er hat nicht nur den
Köder für den Flossenrücken wachsen lassen, sondern
unseren Hag auch erst wohnlich gemacht." Die verformten Bäume!
**Willst du uns nicht zeigen, wer du bist?**
Sie sendete. Erst ganz zaghaft ein paar Eindrücke an
Graserfell. Von dem Kokon, dem Ort ihrer Herkunft, der verborgen im Schilf
gelegen hatte. Der Elf nickte ihr aufmunternd zu. Dann ließ sie auch
die anderen teilhaben an ihren Visionen: Wie sie die Fäden der gewebten
Klebmasse auseinanderzog und hinausstieg in die weite Welt der Zwei
Monde. Und von ihrem langen Weg durch Gestrüpp und dunkle Wälder,
der sie schließlich zu den Elfen am See geführt hatte.
Dies alles offenbarte sie. Nicht aber die Menschen, die sie bedroht
hatten. Nicht den einen, den sie mit der Kraft ihrer Gedanken verletzt
- getötet? - hatte. Im Senden gibt es keine Lügen.
Man kann aber Dinge weglassen.
Doch nun richtete sich ihre Aufmerksamkeit ganz auf den weißen
Wolf, der im Kreise der Elfen zusammengekauert am Boden saß. Wirklich
ein Wolf? Das Tier veränderte sich langsam. Die ausgestreckten Hinterläufe
wurden länger und länger. Er bekam eine flache Schnauze. Unter
Strampeln und Winden zu den Füßen der anderen wich schließlich
das weiße Fell immer mehr heller Elfenhaut.
Die Umrisse einer blanken breiten Brust zeichneten sich ab, führten
in geschwungenen Linien über die schmale Taille und das kräftige
Becken bis hinab zu den strammen Beinen eines ausgewachsenen Kämpfers.
Ein Körper unverhüllter Reinheit, der in seiner Gänze nun
vor ihr stand. Er gehörte einem stattlichen jungen Elfen mit leuchtenden
weißblonden Haaren, welche ihm auf die bloßen Schultern fielen.
Sie war Zeugin einer elfischen Selbstformung geworden.
"Ach, und ich heiße Wolfssohn", sprach der fünfte im
Bunde, noch sichtlich außer Atem. "Mehr sind wir aber wirklich nicht.
Ich schwöre es bei Timmorns gelben Augen." Jetzt war es Goldklang,
die sich bemühte, Verständnis zu vermitteln: "Weißt du,
wir hatten seit Generationen keinen Heiler. Dieser Wolfsreiterstamm
wird irgendwann aussterben. Wenn nicht durch die Jagd, dann weil den Alten
zuwenig Welpen nachkommen."
Welpen? Wolfsreiter? Elfen, die in Bäumen lebten und
im Alter starben? Die Masse der fremden Eindrücke ließ das Mädchen
verwirrt in die Runde blicken. Was hatte sie nicht für eigenartige
Erfahrungen gemacht seit ihrer Ankunft! Überhaupt war so vieles geschehen
seit nur wenigen Sonnenuntergängen. Verwirrt war sie, aber nicht mehr
ganz so ängstlich.
"Komm doch mit uns, es ist auch deine Beute", lud Häuptling
Graserfell ein. Und dabei schien gerade der Moment gekommen zu sein, in
Frieden von dannen ziehen zu können. Sie scheute die Nähe zu
anderen, mißtraute den Angehörigen ihres Volkes von jeher, mißtraute
jedem. Hatte sie doch eben erst begonnen, ihr Glück im Alleinsein
zu suchen, drägte man sich ihr schon wieder auf.
Schicksalsergeben folgte sie den Elfen an den Lagerplatz zu Fuße
des breitesten Stammes am Rande der Lichtung, dem Vaterbaum. Von
den Ästen ringsum sah sie hölzerne Leitern baumeln, und hier
und da ein Laken, das mit Seilen befestigt war und sicher zum Schlafen
diente.
Sie nahm abseits des Kreises Platz, den Elfen und Wölfe bildeten.
Von dem rohen Fleisch der Riesenechse, welches die Wolfsreiter auf
ihrem Floß heranschafften, nahm sie nur der Höflichkeit halber
einige Bissen. Sollten die anderen ihr Vergnügen haben. Nach fortgeschrittener
Zeit holte Goldklang sogar eine Flöte aus Schilfrohr hervor und entlockte
dieser Töne von unerwarteter Schönheit, die den jungen Zauberblick
zu einem ausgelassenen Tanz bewogen.
Mit den lustigen Weisen konnte die Außenseiterin in der Runde
jedoch wenig anfangen. War ihr Leben jemals fröhlich verlaufen, hatte
sie Grund zum Lachen gehabt? Doch eine langsame Melodie begann schließlich
an ihrem kalten Herzen zu rütteln. Als Graserfell sich auf den Takt
eingestimmt hatte, sang er dazu in tiefem Baß:
"Silberblau
Wie siehst du aus?
Wie kann so eine hübsche Blume
so beladen sein mit Tau
Silberblau?"
Die Angesprochene brachte noch immer kein Wort heraus, lauschte nur
in sich gekehrt. "Ein Name", meldete sich Zauberblick, "hast du denn keinen
Namen?" Überrascht sah sie auf, blickte entgeistert in die erwartungsvollen
Gesichter. Mit solch einer Frage hatte sie nicht gerechnet. Daß jemand
sich für ihren Namen interessieren sollte! Inzwischen schien alles
so lange her. Und das, was lange her schien, schien nun bedeutungslos.
**Heh, was hältst du von 'Schilfkind'?**, erklang die Stimme
des jungen blonden Wolfselfen in ihrem Kopf. Wolfssohns graugrüne
Augen funkelten vor Freude über den blitzartigen Einfall.
Eigentlich war es ihr gleich. Das Wort schien sogar zu passen. Es
spielte auf den Fundort des geheimnisvollen Kokons an, dem sie entschlüpft
war. "Schilf - Kind", wiederholte sie langsam.
Am nächsten Abend wurde eine Versammlung einberufen, in dem
die Wolfsreiter über das Verbleiben des Neuankömmlings
befinden sollten. Die junge Elfe fand ausschließlich Fürsprecher
im Rat, und somit wurde sie letzten Endes in Graserfells kleinen Stamm
aufgenommen. Zumindest vorübergehend, bis sie in ihre Heimat zurückkehren
würde.
'Welche Heimat?', hatte sie sich insgeheim gefragt. 'Vor dem Kokon?'
Sie hatte keine Ahnung, wie, beim Ei der vier Sphären, sie
dort hineingeraten war. Oder wenn sie eine hatte, dann wollte sie diese
nicht wahrhaben.
Ein weiches Schlaflager hatte sie zugeteilt bekommen, in einem einzelnen
ausgehöhlten Baum. Unter einem Häufchen Laub versteckte sie dort
auch das menschliche Artefakt; jenen bunten Schild, den sie niemandem zu
zeigen wagte. Und Blautanne, der Gerber in der Sippe, machte sich daran,
ein neues Gewand für das Elfenmädchen - für Schilfkind -
zu nähen.
"Schilfkind." Sie flüsterte es immer wieder vor sich hin. Ein
neuer Name für ein neues Leben. 'Der Vogel, der nie fliegen wird'
hatte ein neues Nest gefunden.
Text © 1999 Dennis Maciuszek (regentropfen73 at yahoo.de)
Bild © 2000 Wanda Proft
Auch im Storyzine "Traumfänger", herausgegeben von Christel Scheja.
Elfquest gehört WaRP Graphics.
"Silberblau" ist eine Übersetzung des Songs "Little Blue" von The Beautiful South.
Besten Dank an Inna und Gerrit für Eure konstruktive Kritik.
Letzte Änderung im November 2005.