Aus blauer Asche

Eine Elfquest-Fangeschichte von Raindrop

3. Kapitel

**Tritt ein. Sei unser Gast.**
**Wer bist... du?** Schilfkind
**Wir sind viele.
Nenn' uns 'Baum der Erinnerung',
wenn du magst.**
**'Erinnerst' du dich an trauernde Elfen?** Schilfkind
**Tote Elfen.
Wir sind die Seelen
verstorbener
Wolfsreiter.**
**Graserfell?** Schilfkind
Graserfell **Ich bin hier.**
**Graserfell, Häuptling! Schilfkind
Wir vermissen dich!**
Graserfell **Es war Zeit für mich zu gehen.
Das ist der Lauf der Dinge.**
**Nein! Das ist nicht wahr! Schilfkind
Elfen müssen nicht sterben, so wie Tiere.**
Graserfell **Oh doch, Wolfsreiter schon.**
**{Unverständnis} Schilfkind
{Verwirrung}
{Erinnern}
Graserfell, die Wölfe sind entführt worden.
Von
Riesenfalken!**
Graserfell **Dann wirst du sie wiederfinden.
Kleine
Gleiterin.**
**Nein nein nein, ich bin keine Gleiterin! Schilfkind
Ich bin jetzt auch eine
Wolfsreiterin!
Seit dem Kokon.
Ich kann gar nicht
gleiten!**
Graserfell **War das der Grund,
weshalb sie dich aus dem
Blauen Berg warfen?
[dunkles Gewölbe]**
**Nein... Schilfkind
{Abstreiten}**
Graserfell **Haben sie dich verbannt
und mit den Falken fortgeflogen?
[Blick auf die Welt von oben]**
**Hör auf! Schilfkind
{Protest}**
Graserfell **Dich den Bewahrern
im
Verbotenen Hain übergeben?
[kleine geflügelte Wesen]**
**Nei... Schilfkind
Ja, verdammt!
{grenzenlose Wut}**
Im Senden gibt es keine Lügen -
Graserfell **Schäm dich nicht.
Du bist, was du bist.**
- man kann aber Dinge weglassen.
('Ich bin das Kind meiner Mutter?') Schilfkind
Graserfell **Du warst, was du gewesen bist.
Und du wirst sein, was du sein wirst.**
**{langsam Entspannung} Schilfkind
{Gewißheit}
Ich werde sein, wer ich sein
will!**

Sie erreichten das Lager der Menschen in den frühen Mittagsstunden des darauffolgenden Tages. Die restliche Floßfahrt war angenehm ruhig und bei ungewöhnlich heiterer Stimmung verlaufen.
Schilfkind hatte ihren Stammesgefährten berichtet, wie ihr Geist die Seele des verstorbenen Anführers berührt hatte. Sie hatte ihnen gezeigt, wie sich Graserfell ohne eine Spur von Bitterkeit seinem Schicksal gefügt hatte. Sie hatte ein Gefühl umfassender Zufriedenheit weitergeben können. Zufriedenheit darüber, daß Graserfells Geist in der Verbindung mit den Wolfsreitern vergangener Tage hinter dem schützenden Laub der Trauerweide seine verdiente Ruhe gefunden hatte. Sie hatte ihren Gefährten das Vertrauen gesendet, das der frühere Häuptling für sie empfand, und die Zuversicht, mit welcher er dem Ausgang ihrer Queste entgegensah.
Selbst wenn Schilfkind die genauen Einzelheiten ihres Austausches mit Graserfells Geist verschwiegen hatte, so hatte sie den anderen in der vergangenen Nacht mehr erzählt und gesendet als in der gesamten Zeit ihrer Bekanntschaft zuvor.
Schilfkind war als Gleiterin geboren worden. Nun gut, hatte sie sich insgeheim gesagt, das mußte dann wohl ein Fehler gewesen sein. Ihre wahre Heimat hatte sie beim Wolfsvolk am Tränensee gefunden. Zu ihnen gehörte sie nun - zu Goldklang, zu Wolfssohn... Was war sie froh, solche Freunde zu haben!
Die düsteren Gedanken, die sie ein Leben lang gequält hatten, waren wie fortgewischt. Sie waren letzte Nacht in der Ästen der Trauerweide hängengeblieben. Als hätte man sie dick in Webzeug verpackt. Es schien jetzt so vieles möglich. Wer mochte sagen, ob Schilfkind nicht bald einen eigenen Wolfsfreund bekommen würde? Goldklang machte kein Geheimnis daraus, daß ihre Rauhreif Welpen in sich trug.
Die übrigen Elfen hatten die Höhle aus Zweigen und Laub ebenfalls betreten. Einer nach dem anderen hatten sie zu ihrem toten Häuptling gesendet, jedoch stets ohne eine Antwort zu erhalten. Nicht daß das ihrer neugewonnenen Hoffnung abträglich gewesen wäre. Ohne daß jemand es laut ausgesprochen hätte, war den Wolfsreitern bewußt, daß Schilfkind im Senden stärker war als sie alle.
Die Begegnung mit dem 'Baum der Erinnerung' hatte in den Elfen neue Kräfte freigesetzt. Das Wiedersehen mit dem Wolfsrudel schien nun zum Greifen nahe. So war die Reisegruppe unverzüglich und ohne weitere Rast zur letzten Etappe ihrer Suche aufgebrochen.
Der helle Tagesstern schickte seine Strahlen vom höchsten Punkte des blauen Himmels auf die Welt der Zwei Monde herab, das Tal in ein weißes Licht tauchend.
Bereits vom Fluß aus konnten die Elfen rechterhand die ein gutes Stück ins Landesinnere gelegene Ansiedlung überblicken.
Bei genauerer Betrachtung schien es sich eher um den Lagerplatz eines Volkes auf Wanderschaft denn um ein befestigtes Dorf zu handeln. Es waren keine Wohnstätten zu entdecken - nur ausgebreitete Decken sowie überall versteut Bündel und Säcke.
Die meisten der Rundohren hockten um vier - nein, fünf Feuerstellen, die über die große, von Gebüsch umrankte Lichtung verteilt waren. Sie saßen in Gruppen zu sechst oder siebt beisammen. Über den Flammen rösteten sie Fleisch, einige Obst.
Erst als der Fluß eine Biegung machte, wurde hinter Bäumen eine grüne Wiese sichtbar. Zwei Lasttiere der Menschen - mit glattem, hellbraunem Fell und kräftigen Schultern - grasten auf ihr. Um die Tiere herum lag weiteres Gepäck aufgetürmt. Vier mit Messern und Speeren bewaffnete Männer standen Wache. Wie die übrigen Menschen waren sie in leichtes Leder gekleidet. Lieblos zusammengeschneiderte Lumpen, wie Blautanne fand. Dagegen wirkten die Vogelfedern, die ihre Kleider schmückten und die einige Menschen sich in die Haare gesteckt hatten, recht dekorativ.
In einiger Entfernung ragte die Ansammlung zerklüfteter, blau schimmernder Felsbrocken auf. Erst jetzt, da die Elfen mehr erkannten als nur ein unscharfes Gebilde, das ihnen gegen Ende ihrer Reise den Weg gewiesen hatte, begannen sie, dessen wahren Ausmaße zu erahnen. Einst mußte hier ein gewaltiger Berg über das umliegende Waldland gewacht haben. Nun erschien er den Wolfsreitern als riesiger aufgetürmter Trümmerhaufen aus Stein. Als hätte ihm jemand die Spitze genommen, und er wäre daraufhin in sich zusammengestürzt. Sollte dies der Ort sein, von welchem die Rundohren aufgebrochen waren?
Keiner mühte sich mehr um eine Antwort auf diese Frage, denn nach ein paar kleineren Büschen erlangten sie mit einem Mal eine freie Sicht auf das Lager der Menschen. Zehn Elfenaugen starrten wie gebannt auf das Zentrum des Platzes: Eine aus dicken Ästen zusammengebundene und mit breiten Lederplanen wetterfest überdachte Trage war von sechs grimmig dreinblickenden Menschenwachen umringt. Sie trugen lange, scharfe Dolche, starke Lanzen mit Metallspitzen sowie feste Rundschilde aus Leder. Zu beiden Seiten neben der Konstruktion fanden sich längliche, hell schimmernde Bündel am Boden abgelegt - drei große und ein kleineres.
Zauberblick verstand als erster. Kokons! Die Wölfe!
Goldklang und Wolfssohn ruderten schneller, stoppten jedoch abrupt, als sie zwei Körbe schleppende Menschenfrauen ausmachten, welche die Lagerstätte in Richtung Wasser verlassen hatten. Sie wären ihnen geradewegs in die Arme gelaufen!
Vorsicht war also geboten. Die Überzahl der Menschenkrieger machte eine sorgfältige Planung erforderlich. Schnell bestand Einigkeit darüber, so bald wie möglich zu handeln und nicht bis zum Einbruch der Dunkelheit zu warten. "Ein direktes Aufeinandertreffen müssen wir aber unbedingt vermeiden", mahnte Wolfssohn. "Laßt sehen, was haben wir für Schußwaffen?"
Zauberblick besaß eine Schleuder, doch für einen Angriff aus dem Hinterhalt reichte ihre Schußweite nicht. Blautanne dagegen konnte zwei Speere vorweisen, und Goldklang ihren Kurzbogen.
Die zwei Gefährten würden sich auf Bäume am rechten Rand der Lichtung begeben. Von dort aus sollten sie mit ihren Geschossen einige der Menschen treffen, die die gefangenen Wölfe abschirmten. Der Rest würde so zumindest kurzzeitig abgelenkt.
Wolfssohns Aufgabe bestand darin, den leichten Zauberblick in Wolfsgestalt auf seinem Rücken zu den Kokons zu tragen. Dort sollte der Junge mit einem Dolch in kürzester Zeit möglichst alle vier Kokons auftrennen. Ein kleiner Schlitz sollte jeweils genügen, so daß sich die Wölfe selbst befreien konnten.
Schilfkind würde das Floß behüten und die baldige Rückkehr von Elfen und Wolfsfreunden erwarten. Dann dürfte es auf jeden Augenblick ankommen. In dem Moment, wo alle an Bord gelangt wären, müßte sie losrudern, um schnell schützendes Wasser zwischen Wolfsreiter und Verfolger zu bringen. Wolfssohn reichte ihr sein Schwert und begann hastig, sich zu entkleiden, auf daß er mit der Verwandlung beginnen konnte.
"Ich habe diese Menschen schon einmal gesehen." Schilfkind zog mit diesem Satz die verständnislosen Blicke ihrer Stammesgefährten auf sich.
"Ja, sicher", sprach Blautanne, "als sie den Tränensee-Hag überfielen. Wir haben doch gegen sie gekämpft! Sie entführten Windschreiter und..."
"Das meine ich nicht. Vorher!" Jetzt waren sie alle still. "Ich habe euch nie davon erzählt. Damals in den Sümpfen... Von einem habe ich den Schild. Er ist in meiner Höhle am See. Ach, ich kann gar nicht kämpfen." Schulterzuckend legte sie das Kurzschwert zur Seite. Daß sie zu ganz anderen Dingen fähig war, vermochte sie nicht über ihre Lippen zu bringen. Sie wollte es nicht einmal denken.
**Und nun geht. Ihr habt die Stärke der Hohen. Ich vertraue euch. Ich brauche euch!**

Die Symbolmacherin der Hoan G'Tay Sho tauchte einen weiteren Lederflicken in das Schälchen mit der blauen Farbe und hielt ihn zum Trocknen in den Wind. Auf dem Boden vor ihr lag ein Holzschild, dessen Bespannung sie mit dem Symbol der Heilung versehen würde. Nonna gefiel diese Arbeit. Mit jedem Farbkleks und jedem Nadelstich knüpfte die Menschenfrau an jenem unsichtbaren Band, welches sie mit der Welt der guten Geister verband.
Früher hatte sie ganze Höhlenwände mit ihren Ritzzeichnungen und Gemälden gefüllt. Sie stellten die Vogelgeister dar, wie sie auf ihren mächtigen Falken anmutig über den Abendhimmel strichen.
Kälten später war Nonna mit ihrem Mann Adar zu ihrem alten Stamm nahe des Blauen Berges zurückgekehrt. Den Hoan G'Tay Sho.
Der Blaue Berg war die Heimstatt der Falkenreiter. In Nonnas Stamm war es üblich gewesen, jene Geister mit Opfern zu ehren. In der Not hatten die Menschen ihnen Gebete gesandt, Unterstützung ersucht, wenn die Jagdbeute ausblieb, und Schutz vor bösem Einfluß erfleht. Die Lieder der Hoan G'Tay Sho waren Beschwörungsformeln an die Kraft und Güte der Geister. Und tatsächlich war ihnen in manch mondheller Nacht die Herrin der Vogelgeister erschienen, um den Menschen einen weisen Rat zukommen zu lassen oder manchmal sogar Jagdwaffen zu schenken, die sie selbst nicht zu fertigen im Stande waren.
Nonna seufzte und ließ den Gedanken ziehen. Der Krieg hatte so vieles verändert. Sie selbst hatte vor nicht einmal einem Wechsel der Jahreszeiten aus nächster Nähe jene Schlacht miterlebt, die in den endlosen Stollen, den zahlreichen Grotten und Kammern des Blauen Berges getobt hatte. Falkenreiter gegen Wolfsreiter. Geister gegen Geister. Magie gegen Magie. Auf Leben und Tod.
Die Hoan G'Tay Sho hatten schließlich einsehen müssen, daß die von ihnen Verehrten zwar über alle Maßen mächtig, jedoch im Einsatz ihrer Kräfte nicht immer rein und gütig waren. Einige - wie die schlanke, braunhäutige Wolfsreiter-Zauberin, welche den fast schon tödlich verwundeten Geoki geheilt hatte - dienten allein dem Licht. Andere wiederum - allen voran die entmachtete Herrin über den Blauen Berg - säten mit ihrer Zauberkraft Schrecken und Zwietracht. Mit einem Schaudern schüttelte Nonna Erinnerungen an bis auf die Knochen abgemagerte Hoan G'Tay Sho ab, die die Schwarzhaarige wie Tiere in Käfigen gehalten hatte.
Dieser Tage bot die alte Heimat der Hoan G'Tay Sho ein Bild der Verwüstung dar. Die Festung der Vogelgeister war am Ende der Schlacht in sich zusammengestürzt. Schutt und blaue Asche hatten das Land unter sich begraben. Die Menschen waren gezwungen wesen, ihre Höhlen am Fuße des Blauen Berges zu verlassen.
Unweit der blauen Trümmer hatten sie zunächst ein Übergangslager errichtet, und einer der wenigen Vogelgeister, die die tragischen Vorgänge überlebt hatten, war sogar bei ihnen geblieben. Der Verehrte schien immer noch unter Schock ob des Verlustes, den sein Volk erlitten hatte. Starr, bleich und ohne je einen Laut zu äußern hockte er auf einem behelsmäßigen Thron inmitten des Lagers. Die besten Hoan G'Tay Sho-Krieger standen ihm rechts und links zur Seite.
Das hochgewachsene, dürre Wesen schien seinen Blick nie von den Trümmern des Berges abwenden zu wollen. In furchtbarer Trauer um seine Heimat und verlorene Freunde, dachte Nonna verträumt, aber doch fest entschlossen, jene, die ihn so reich beschenkten und bewirteten, vor weiterem Unheil zu bewahren.
Die Symbolmacherin war ein Mitglied des ersten Erkundungstrupps auf der Suche nach einem neuen Ort zum Leben gewesen. Sie hatte vorgeschlagen, die Späher zu jener Stelle in den Wäldern zu führen, die sie einst zusammen mit Adar bewohnt hatte. Dort gab es Höhlen, die auf geheimnisvolle Weise denen am Blauen Berg glichen. Sie hatte von dem heiligen Raum der Zeichen berichtet, den sie mit ihren Gemälden der Himmelsgeister geschmückt hatte - der besten Arbeit, die sie je zustande gebracht hatte. Die Frage war nur gewesen, ob die Höhlen in den Felsen für alle Hoan G'Tay Sho ausreichen würden.
Nonna hätte nicht schlimmer scheitern können. Von ihrem sicheren Weg durch das tiefe Gehölz abgekommen war die Gruppe irgendwie im Tal des Endlosen Schlafes gestrandet. In einem verfluchten Sumpf war Vonar, ihr damaliger Anführer, auf einen silbrigen Kokon von fast Menschengröße gestoßen. Nonna hatte darin das Werk der kleinen Flügelgeister erkannt, die Klebemasse speien konnten. Auf ihrer Flucht aus dem Innern des Blauen Berges hatte Adar ihr einen ebensolchen Kokon gezeigt und berichtet, wie die kleinen Wesen dort einen Vogelgeist eingesponnen hatten.
Vonar hatte das halb im Moor versackte Gebilde einen Spalt breit geöffnet - und damit einen bösen Geist freigesetzt! In abwehrbereiter Haltung mit gezücktem Dolch war der bullige Anführer von einer weißhaarigen Geisterfrau angefallen und mit einem bösen Blick zu Boden gestreckt worden.
Heute war Vonar ein körperlicher und geistiger Krüppel, der die kommende Kälte nicht überleben würde. Die 'Weiße Frau' dagegen war zu einer Legende geworden, welche nicht nur die Kinder erschaudern ließ, wenn sie abends am Feuer erzählt wurde.
Später war ein Trupp Krieger ausgeschickt worden, den Herkunftsort jener bösen Geister zu finden und diese aus dem Land zu treiben. Zumindest würde man Rache üben können, denn eins hatte man während des Krieges der Geister gelernt: Auch Wesen aus einer anderen Welt waren nicht unverwundbar.
Vor einigen Tagen waren die Krieger erschöpft und mit Verletzungen übersät zurückgekehrt. Sie hatten dem stummen Schutzgeist der Hoan G'Tay Sho von ihren Erfolgen berichtet: Ein Dorf attackiert, mehrere Finstergeister verwundet und einen sogar getötet. Sie hätten den wilden Wölfen widerstanden, die auf der Seite der Dämonen kämpften. Die Hoan G'Tay Sho seien gegen das Böse nicht länger machtlos.
Was die Mehrheit bejubelt hatte, hatte Nonnas und Adars Stimmung empfindlich getrübt. Das waren Wolfsreiter gewesen, die der Kriegertrupp aufgespürt und angegriffen hatte, sorgte sich Nonna. Hatte die Schlacht am Blauen Berg nicht gezeigt, daß wölfereitende Geister auf der Seite des Guten standen, während alle schwarze Magie von durch die Lüfte gleitenden Vogelgeistern samt deren dunkler Herrin ausging? Ohne die Hilfe zweier kleiner Geister aus dem Wolfsreiterstamm, der am Blauen Berg gekämpft hatte, wären Nonna und Adar nie zu den Hoan G'Tay Sho zurückgekehrt. Und später hätten ohne den Einsatz jener zwei, die das Menschenpaar inzwischen als ihre Freunde betrachtete, die Gefangenen des Blauen Berges nicht ihre Freiheit zurückerlangt.
Eines nachts waren dann vier Riesenfalken über dem Lager gekreist. Einer nach dem anderen war vor dem Beschützer der Hoan G'Tay Sho niedergegangen und hatte ein strampelndes, in die Luft beißendes Wolfswesen abgesetzt.
Zwei der winzigen, bunten Feengeister waren aus der Sänfte des Verehrten geflattert und hatten den Kampf aufgenommen. Die wild um sich schnappenden Wölfe hatten die zerbrechlichen Feenflügel stets um Haaresbreite verfehlt. Gleichzeitig hatte die kräftigen Raubtiere der Kokonstoff, der sich immer mehr um sie gelegt hatte, träger und träger werden lassen, bis sie schließlich völlig gelähmt gewesen waren.
Was das wohl sollte? Nonna schüttelte verständnislos den Kopf. Trophäen als Belohnung für die tapferen Stammeskrieger?
Ein Siegesfest war ausgerufen worden, aber Nonna und Adar war nicht zum Feiern zumute gewesen. Sie hätten lautstark protestieren sollen, doch seit jener fehlgeschlagenen Erkundungsmission hatten ihre Stimmen in der Stammesgemeinschaft endgültig jeden Wert eingebüßt.
Nonna setzte den letzten Nadelstich und verknotete das Ende des Fadens. Nun zierte einen weiteren Schild das Symbol der Heilung.
Die Symbolmacherin hatte dieses Zeichen geschaffen, um die wundersame Heilung des Menschenjungen Geoki durch die braunhäutige Geisterfrau - die Gefährtin eines ihrer zwei kleinen Freunde - in jedermanns Gedächtnis zu bewahren. Wenn sie aber nun vom Feuer aufblickte und das Symbol auf den Schilden der grimmigen Wachen fand, welche die Wolfskokons umstellt hatten, dann schwand ihr Vertrauen in die Erinnerungsfähigkeit ihrer Stammesgefährten.
Nonna selbst hatte ihre Bindung an die Welt der guten Geister gestärkt, und sie glaubte fest daran, daß die warmen Hände der Heiler ihr Volk erneut retten würden, sollte es eines Tages in ähnlich große Not geraten wie während des Krieges im Blauen Berg.
Da, ein Rascheln in einem Baum! Nonna fuhr zusammen und ließ ihre Arbeit fallen, als zwei der Pferde sich aufbäumten und von Panik ergriffen auseinanderstoben. Zwei kleine Gestalten fielen aus dem Baum. Sofort waren vier Hoan G'Tay Sho-Krieger zur Stelle und umringten die Eindringlinge. Mit ihren langen Speeren drückten sie die Gegner zu Boden, noch bevor diese eine Gelegenheit erhalten mochten, sich zu rühren. Einer der Krieger hob drohend ein langes Messer.
Dann geschah alles gleichzeitig! Ein schneeweißer Wolf schnellte aus den Büschen hervor und stand im Nu in der Mitte des Lagerplatzes. Nonna entdeckte eine kleine Geistergestalt auf seinem Rücken. Ein kurzes Einschätzen der Lage, und der Wolf hielt schnurstracks auf die Kokons und den Verehrten zu. Zwei Krieger stellten sich in den Weg, streckten den Angreifern Speer und Dolche entgegen. Zwei kurze Blicke des kleinen Wolfsreiters genügten, und die Arme der Hoan G'Tay Sho erschlafften.
Aus dem Pfeilköcher einer der aus dem Baum Gestürzten erschien überraschend Unterstützung. Ein bläulich schimmernder Feengeist schwirrte hervor und spie einem der Angreifer seinen Zorn ins Gesicht! Flink wie sie waren nutzten die Geisterkrieger den Augenblick der Verwirrung und befreiten sich. Der mit einem dünnen Speer ausgerüstete Geist holte zu einem Streich mit der Waffe aus und erwischte seinen menschlichen Gegner an der Schulter. Der Speerkämpfer sah seinen Feind zurückweichen und setzte nach. Doch mitten in der Bewegung erstarrte er! Der Geist hatte den Schmerzensschrei seiner Gefährten vernommen. Er fuhr herum, sah die Wunde, sah die andere taumeln und verfolgte wie versteinert, wie der Körper der kleinen, schmächtigen Frau zu Boden glitt. Dann hatte er selbst eine Speerspitze vor dem Gesicht.
Die verbliebenen Leibwachen des verehrten Himmelsgeistes trugen nun brennende Fackeln in ihren Händen. Sie schwenkten das Feuer hin und her, so daß Rauchschwaden den hellen Mittagshimmel überzogen. Der Wolf und sein junger Reiter hielten einen Moment lang inne. Doch nur, um im nächsten Augenblick mit voller Entschlossenheit loszupreschen!
Die Fackeln trafen den Wolf. Eine schlug zwischen seine Vorderläufe, brachte ihn kurz vor dem Ziel ins Straucheln. Eine andere sengte das Fell seitlich am Rücken an. Schneeweißer Flaum verkohlte, wurde stumpf und starb ab. Als der mutige Wolf heulend zusammenbrach, konnte sein kleiner Reiter nur noch bettelnd die Hände heben und um Gnade für sein junges, unschuldiges Geisterleben flehen.
Wie zu einer Felssäule erstarrt fand sich der wackere braunhaarige Geist, der den Hoan G'Tay Sho für einen Moment lang die Stirn hatte bieten können, in einem Kreis aus drohend erhobenen Speeren und geschärften Kampfmessern wieder. Langsam ließ der Geisterkrieger den eigenen dürren Speer zu Boden gleiten. Der Besiegte tat dies schicksalsergeben - ohne ein äußerlich erkennbares Zeichen von Wut. Er blickte bloß stumm herab zu seiner Gefährtin, fast als flehe er kraft seiner gesammelten Zaubermacht den reglosen Körper an, daß er sich doch erheben oder wenigstens ein Stück regen möge, um so zu beweisen, daß noch ein Funke Leben in ihm steckte. Vergebens, wie es schien.
Der winzige Flügelgeist begann daraufhin mit der Prozedur, die Nonna schon kannte. Er spie zahllose lange und zähe Klebefäden aus, um die Gefallene darin einzuschließen.
Dann erschien die Weiße Frau! Ganz plötzlich und ohne daß jemand ihr Herannahen bemerkt hatte, war sie auf dem Schlachtfeld aufgetaucht. Während um sie herum das Kampfgeschehen tobte, stand sie einfach nur da, angestrahlt von der hellen Mittagssonne.
Die Weiße Frau legte schützend eine Hand über die Augen, die Lage erfassend. Ganz offensichtlich war es um ihre Geisterkrieger geschehen. Die Hoan G'Tay Sho hatten sie geschlagen.
Da nahm die Weiße Frau ihre Hand von den Augen, und ihr Blick traf sich mit Nonnas. Die Höhlenmalerin zuckte unwillkürlich zusammen. Der Blick der Weißhaarigen war leer, und ihre Augen von einem tiefen Blau, das schwärzer war als die dunkelste Nacht. Kälter als der gefrorene Fluß im Winter. Und starr wie die Ruhe vor dem Sturm.
Unter jenem Augenblick fühlte sich die Höhlenmalerin nicht etwa durchbohrt, sondern von einem Sog ergriffen, der ihr Innerstes nach außen zu kehren vermochte. Als verlange die Geisterfrau stumm nach einer Erklärung. Warum ausgerechnet von Nonna, die sich immer für Frieden eingesetzt und die es immer gut mit den Geistern gemeint hatte?
Weil dieser Geist Nonna kannte. Weil sie jenem Wesen schon einmal begegnet war, damals im Schilf, in den Sümpfen. Das Wiedererkennen entfachte in Nonna einen neuen Funken Hoffnung. Vergebens.
Die Weiße Frau entfesselte ihren Zorn!
Noch bevor jemand begriff, was geschah, war sie bei den Wachen, die den Wolf niedergestreckt hatten. Zweien von ihnen grub sie ihre Fingerspitzen in die Brust, was die Menschen peinvoll aufkreischen ließ. Die anderen zwei sprangen zurück, doch von einem erwischte sie das Bein. Ihre Hände schienen Leder zu durchdringen und Haut bei Berührung zu verbrennen. Dem anderen Wächter sprang sie an die Kehle, würgte ihn und ließ schwarze Magie strömen, bis sein Schmerzensschrei verstummte.
Blitzschnell stieß sie zu den Kriegern, die mit den älteren Geistern und dem Geflügelten gekämpft hatten. Nicht mehr als die bloße Berührung durch ihre Geisterklauen war nötig, um die Augen der Menschen zu entflammen und ihre Gesichter kreidebleich werden zu lassen. Als beide schlaff ins Gras fielen, mußte das die Erlösung von unsagbaren Qualen gewesen sein.
Die weiße Dämonin machte nach Wachen und Kriegern nicht halt. Gnadenlos setzte sie ihren blutlüsternen Feldzug gegen Jäger, Handwerker, Kräutersammler und sogar Kinder fort. Keiner leistete mehr Gegenwehr. Alle wurden sie Opfer des Rausches der Rächerin. Alle erlitten grausame Schmerzen, bevor Umnachtung ihre Seelen befiel.
Nonna wollte zu ihrem ihrem Mann Adar, der an einem der Feuer saß, doch sie konnte nicht. Es ging alles viel zu schnell. Wie die anderen Hoan G'Tay Sho - und wie die übriggebliebenen Geister - hatte sie den Blick starr auf die weiße Dämonin gerichtet. Wie gebannt nahm sie das grauenhafte Treiben der flinken, todbringenden Geisterfrau einzig als Zuschauerin wahr. Bis es sie selbst erwischte.
Nonna fühlte die kalte Dämonenhand auf ihrer Brust. Sie empfand den furchtbaren Schmerz der weißen Frau um ihre geschlagenen Freunde, spürte, wie ihr Herz brannte. Nur daß es jetzt Nonnas Herz war, das von einer Stichflamme erfaßt wurde und das unter der aufsteigenden Hitze beinahe zerbarst. Das letzte, was sie sah, war ein kurzer, entrückter Blick in den undurchdringlichen Augen der Geisterfrau.
Die Dämonin ließ von ihr ab und wandte sich geradewegs in Richtung des immer noch majestätisch in seiner Sänfte thronenden Vogelgeistes.
Nonnas trockene Kehle formte ein letztes Stoßgebet an den stummen Beschützer der Hoan G'Tay Sho. "Halte sie..." Doch der Satz erstarb auf ihren Lippen, als Dunkelheit ihre Seele ergriff.

Tor **Auf!**
**Was? Schilfkind
Wer sendet?**
Tor **{Verwirrung}
{Besinnen}
Auf-Hören.**
**Wer bist du? Schilfkind
Willst du mir befehlen?**
Tor **[Blut überall]
Zerstörung.
[reglose Körper]**
**Oh ja, Zerstörung! Schilfkind
Und ich bin noch lange nicht fertig!
Das ist dein Werk hier.
Deine Krieger.
Meine... Freunde!
{Verzweiflung}
{Verlust}**
Tor **Gleiterin.**
**{Bloßstellung} Schilfkind
{Entrüstung}
{Erinnern}
Du bist... Tor?**
Tor **Tor öffnet.
[Formen eines Durchganges in blauen Fels]
Tor schließt.
[Versiegeln des Durchganges]**
**Tja, jetzt wohl nicht mehr. Schilfkind
[blaue Trümmer eines Felsens]
{Schadenfreude}**
Tor **Zerstörung.
Wölfe.**
**Unsere Wölfe sind schuld, Schilfkind
daß der
Blaue Berg zerstört ist?
Daß ich nicht lache!
Du verwirrter, dummer Elf!
Nein, nicht einmal das bist du.
Bloß ein felsenformendes Werkzeug.
Ha, wie 'Stütze'!
Und 'Ei'.**
Tor **{Erklären}
Trank.
{Verlangen}**
**Wie? Schilfkind
Welcher 'Trank'?
Gib zu, das Denken hast du lange verlernt!
{Verletzenwollen}**
Tor **Trank!
{Entspannung}
{Konzentration}
{großes Verlangen}
{Vergeblichkeit}**
**Tor, Schilfkind
das ist überhaupt alles, was du tun kannst.
Öffnen und schließen.
{Spott}**
Tor **{Zorn}
{Erinnern}
[Durchgang in blauen Fels]
[zerberstender Stein]
{verletzt}
{allem beraubt}
[
Gleiter, die um ihr Leben laufen]
{Verdeutlichen}
Wolf-Elfen.
[blonder Häuptling auf grauem Wolf]
[Tor wird durch einstürzende Gänge geschleift]
[braunhaariger Jäger, der einen Pfeil abschießt]**
**{Irritation} Schilfkind
Wie, du meinst,
Wolfsreiter hätten das alles getan?
{Staunen}
Andere
Wolfsreiter?
{Verstehen}
Das waren andere
Wolfsreiter.
Nicht wir!**
Tor **[schlanke silberhaarige Elfe]
Gleiterin.**
**{Entrüstung} Schilfkind
Ich bin jetzt eine
Wolfsreiterin.
Ich bin 'Schilfkind'.
Bald habe ich einen
Wolfsfreund.
Endlich werde ich sein, wer ich sein will.**
Tor **{Verachtung}
Tiere.
[blonder Häuptling]**
**Was?** Schilfkind
Tor **{Verdeutlichen}
Wolf-Elfen.
[Wölfin, die ein Elfenkind gebärt]
[behaartes Elfenkind, das am Boden schnüffelt]
[blonder Häupling]
Wolf-Elfen.
Zerstörung.**
Im Senden gibt es keine Lügen.
**{Schock} Schilfkind
Das... das ist nicht wahr!
Du meinst, die
Wolfsreiter hätten sich...
mit Tieren gepaart?
{Entsetzen}
Sie sind
so entstanden?
{Befremdung}
Aus Elfen und Wölfen?
{Schaudern}
{Leugnenwollen}**
Tor **{etwas Klarheit}
{Zustimmung}**
**Das kann ich nicht glauben! Schilfkind
{Glauben trotzdem}
{Wissen}
{Abscheu}
Aber ich bin keine
Gleiterin.
Ich
will keine Gleiterin sein!
Winnowill...
Die Herrin...**
('Meine Mutter.')
Tor **Fort.**
**{Ungewißheit} Schilfkind
Und Lord Voll?**
('Mein Vater?')
Tor **Tot.
Gleiter.**
**{Schrecken} Schilfkind
Viele
Gleiter sind gestorben?
In einem Kampf mit den anderen
Wolfsreitern?
{Zögern}
Alle?**
Tor **[schwarzgekleideter Anführer von Falkenreitern]
[zierliche
Gleiterin, die auf einer Windböe schaukelt]
Viele.
{Haß}**
**{Begreifen} Schilfkind
Du haßt diese anderen
Wolfsreiter dafür!
Nicht wahr?
Alle
Wolfsreiter haßt du dafür.
Und als deine Menschen meine...
{Befremdung}
Als deine Menschen diese
Wolfsreiter entdeckt hatten,
hast du zu den Falken gesendet.
[riesige schwarze Schatten am Himmel]
Kannst du das?
Du hast ihnen befohlen, sie sollen die Wölfe entführen!
Aus bloßer Rache.**
Tor **Vernichtung.
Wolf-Elfen.**
**{Einsicht} Schilfkind
Das war dein Plan?
Du wolltest die
Wolfsreiter herlocken,
damit dein Heer von Menschen sie töten kann?
{Verurteilen}
Feigling!
Du bist nicht besser als die Schwarze Schlange selbst.**
('Winnowill. Die Herrin. Meine Mutter.')
**{Scham}
Ich... bin das Kind meiner Mutter.**
Tor **[reglose Körper]
[Blut überall]
{Zustimmung}**
**{Gleichgültigkeit} Schilfkind
{Trotz}
Ich will nur nach Hause.
[
Tränensee]
{Zweifel}
[Wölfin, die ein Elfenkind gebärt]
[behaartes Elfenkind, das am Boden schnüffelt]
{Abscheu}
{Befremdung}
[Goldklang, wie sie die Monde anheult]
{Angst}
[Wolfssohn, der sich verwandelt]
{Entsetzen}
[Blut überall]
[reglose Körper]
{Panik}
[alle starren sie an]
{Verdrängen}
Ich will...
{Vergessenwollen}
Fort!
Ich will einfach nur fort von hier!**


Die Geschichte "Aus blauer Asche" umfaßt insgesamt 5 Kapitel, ist aber noch nicht fertiggeschrieben. Besten Dank an Inna und Ingo für konstruktive Kritik an diesem Kapitel :-)

Text und Bilder © 2003 Dennis Maciuszek (regentropfen73 at yahoo.de)
Außer dem Bild von Tor © 1997 Gunnar Ljungstrand: "Art copyright 1997 Gunnar Ljungstrand. Elfquest, its logos, characters, situations and their distinctive likenesses are trademarks of Warp Graphics, Inc. All rights reserved worldwide." Kopiert Gunnars Bilder nicht von meinen Seiten, sondern besucht seine (wunderschöne) Elfquest-Website http://www.algonet.se/~dervak/ElfQuest/ElfQuest.html.
Elfquest gehört Warp Graphics.
Letzte Änderung im November 2005.

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