Dokufiktionale Filme -
Neue Chancen für Geschichtenerzähler
Dokumentarfilme übernehmen heute immer mehr Gestaltungselemente von Spielfilmen. Um diesen Trend zu erörtern, veranstaltete das Haus des Dokumentarfilms am 19. und 20. April 2007 im Studiosaal des SWR in Stuttgart die Tagung "Ohne Spiel kein Deal - Dokufiktionale Formate, Zukunft für Filmemacher?" Der Schwerpunkt lag auf dem Bereich Fernsehen. Die eingeladenen Referenten waren Vertreter von Fernsehsendern, Autoren, Produzenten und Medienforscher.
Mit 74 Jahren ist Goethe (Rolf Hoppe) nochmal verliebt. In die 19-jährige Ulrike, die er auf einem Ball kennen gelernt hat. Entgegen aller Vernunft macht das greise Genie dem quirligen Mädchen den Hof. Wird sie ihn erhören? Was klingt wie eine erdichtete Liebesschnulze, ist eine Folge der neuen ZDF-Dokureihe "Giganten". Mit überwiegend inszenierten Szenen erweckt Autor und Regisseur Günther Klein das frühe 19. Jahrhundert zum Leben.
Doku-Drama ist eigentlich keine neue Erfindung - auch wenn es früher noch nicht so hieß. Am Abend des ersten Tages zeigte Dokumentarfilm-Legende Dieter Ertel, wie er 1969 seine Version des Mordes an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg mittels Re-enactment auf den Bildschirm brachte und damit die Nation bewegte.
Doch erst seit etwa zehn Jahren boomt das dokufiktionale Fernsehen. Neben klassischem Doku-Drama, welches Re-enactment mit realen Bildern und Interviews mischt, präsentierten die Referenten Doku-Soaps wie "Abnehmen in Essen" (fünf Freundinnen nehmen gemeinsam ab), die Spezialformen Living-History mit beispielsweise "Leben in der Steinzeit" (die Teilnehmer leben wie in der Steinzeit) und "Bräuteschule 1958" (Mädchen besuchen eine Fünfzigerjahre-Hauswirtschaftsschule) sowie Living-Science wie "Tschüss Öl, ciao Gas" (ein Wohnblock wird nur mit alternativen Energien versorgt). Dazu kamen Doku-Abenteuer-Reihen wie "Abenteuer Wissen" sowie narrative Dokumentarfilme oder Doku-Fictions.
Heiner Gatzemeier (ZDF) führte eine besonders originelle Doku-Fiction vor: "2030 - Aufstand der Alten" von 2007. In einer nahen Zukunft klärt eine Journalistin eine Verschwörung auf: Während reiche Rentner im Luxus leben, werden Empfänger der Mindestrente im besten Fall obdachlos, im schlimmsten Fall "entsorgt". Der Film stützt sich auf Fakten und dokumentarisches Bildmaterial, das teilweise echt, teilweise "gefaket" ist. Dramaturgisch funktioniert der Dreiteiler wie ein Thriller.
Dokufiktionale Formate können inszenieren, visualisieren, Dramaturgien von Spielfilmen und Serien übernehmen, Gefühle durch Bilder ausdrücken wie in "Delphinkinder" über behinderte Kinder, die eine Delphintherapie machen, oder - wie Medienpublizist Fritz Wolf demonstrierte - Bild- und Schnittstrategien gleich von "CSI" kopieren. Viele Lacher ernteten die reißerischen Pseudo-Abenteuer eines PRO7-Redakteurs in "Galileo Mystery": "Hmmm, Avalon ist auf keiner Karte zu finden..." Ein wichtiger Insider-Begriff ist "Hochglanz" für aufwändige, effektintensive und visuell beeindruckende Produktionen à la "Die Juden".
Wozu Dokufiktion? Nun, man kann durch Re-enactment historisches Bildmaterial erzeugen, das einfach nicht vorhanden ist. Es geht aber um mehr. Dokufiktionale Filme schaffen einen emotionalen Zugang zu einem Thema ("emotional dressing"). "Wir lernen Goethe nicht, wir lernen ihn kennen", brachte es Günther Klein auf den Punkt. Doku-Drama sei ein Initialmedium, das Interesse wecke. Fritz Wolf kritisierte: "Zu oft werden Dramaturgien dem Stoff übergestülpt, nicht aus dem Stoff selbst genommen." Medienpublizist Wolf war es auch, der vor einer "Entrealisierung" warnte. Dagegen versicherten die Filmemacher, dass sie auch beim dokufiktionalen Film gründlichst recherchieren würden.
Für Geschichtenerzähler ergeben sich durch die Fiktionalisierung des Dokumentarfilms ganz neue Einsatzmöglichkeiten. Man kann gesellschaftlich relevante Themen seriös vermitteln - und phantasieren! Man kann Journalist und Geschichtenerfinder in einem sein! Immer wieder wurde betont, wie sehr im Dokumentarbereich gute Storys, Plots, Dramaturgien und interessante Charaktere benötigt würden. So verpflichtet etwa das ZDF häufig Drehbuchautoren von außen. "Das haben wir nicht gelernt", so Heiner Gatzemeier.
Wer sind die Doku-Storyteller? Auf der Tagung sprachen Autoren, Produzenten, Regisseure und Redakteure. Sie arbeiten freiberuflich, in einer Produktionsfirma oder bei einem Fernsehsender. Der Beruf des angestellten TV-Redakteurs, der unter anderem Konzepte für Filme und Serien entwickelt, ist am ehesten derjenige, den man noch intern beim Sender vorfindet. So waren Abteilungsleiter und Mitarbeiter von Redaktionen zu einer Vielzahl von Themen und Sendeplätzen anwesend. Sie vertraten fast ausschließlich öffentlich-rechtliche Sender.
Der Boom dokufiktionaler Fernsehfilme bietet neue Chancen für Geschichtenerzähler. Auf der Tagung "Ohne Spiel kein Deal" wurde deutlich, dass gerade in Sachen Dramaturgie noch Entwicklungspotenzial besteht. Das Fernsehen kann kreative und umsichtige Autoren und Redakteure mit einem Faible für "Edutainment", "Infotainment" und Storytelling offenbar gut gebrauchen.
© 2007 Dennis Maciuszek (info at storyautor.de)