Sozialfall: Sozialarbeit
"Super-Nanny" heißt der neue Reality-Star bei RTL. Jede Woche verfolgen Millionen, wie die Doku-Nanny verwahrloste Haushalte restauriert, rebellische Kinder zähmt und frustrierte Jugendliche in eine Welt voller Perspektiven führt.
Wie viel ist dran am Bild der sozialen Heldin? Unter welchen Bedingungen arbeiten Sozialarbeiter in Deutschland? Oder: Unter welchen Bedingungen arbeiten sie nicht? Nach einer stern–Studie (Ausgabe 19/2006) sind über 7 Prozent ohne Job, Tendenz steigend. Für Akademiker ist das viel. 35 Prozent arbeiten Teilzeit.
Braunschweig, eine norddeutsche Großstadt. Hier trifft man auf eine Vielzahl sozialer Brennpunkte. Gleichzeitig bildet die örtliche Fachhochschule Sozialarbeiter und Sozialpädagogen darin aus, soziale Probleme zu beheben. Wie ergeht es den Absolventen auf dem Arbeitsmarkt?
Christina L. (28, Namen geändert) verlor ihre erste Stelle schon nach fünf Monaten. Ihrem Arbeitgeber reichte ihre Qualifikation nicht. Doch Christina gab nicht auf. Jetzt macht sie eine Weiterbildung zur Psychotherapeutin. Begeistert erzählt sie von einem aktuellen Fall: Ein Mädchen hat Rechtschreibschwächen. Ist sie Legasthenikerin? Christina vermutet mehr dahinter, etwa eine unentdeckte Hörschwäche. "Solche Zusammenhänge - das ist das Interessante!" Das Telefon klingelt. Um ihre Ausbildung zu finanzieren, jobbt Christina als sozialpädagogische Familienhilfe bei einem freien Jugendhilfeträger. Eine Krankenkasse ist dran und fragt, warum eine von Christinas Familien einen Fragebogen nicht zurücksendet. Dann kommt sie vom Telefon erstmal nicht mehr los. Sie ruft bei einer Schule für geistig Behinderte an: Ein Kind soll zum Zahnarzt. Dann das Problem eines jugendlichen Vaters, der nicht zum Termin erscheint. Eine psychisch kranke Mutter macht ihr Sorgen. Liegt eine Kindeswohlgefährdung vor? "99 Prozent der Familien sind Arbeitslosengeld-II-Empfänger. Die werden es aber auf diesem Arbeitsmarkt nicht schaffen einen Job zu kriegen." In Christinas Arbeit sieht man die sozialen Missstände hinter den Quoten. Viele Klienten waren auf einer Sonderschule und haben soziale Inkompetenzen, die sie an die Kinder weitergeben. Sozialarbeit kann dauerhaft etwas verbessern, doch dafür arbeitet Christina das Zweieinhalbfache der bezahlten Zeit. Vom Auftraggeber, dem Jugendamt, kommt nur wenig Geld. Jetzt sucht Christina nach Alternativen.
Sabine K. (39) ist seit sieben Monaten auf Jobsuche. Als ALG-II-Empfängerin bekommt die Sozialarbeiterin vom Arbeitsamt keine Angebote mehr. Stattdessen musste sie versprechen, zehn Bewerbungen pro Monat abzuschicken. Ihr Berater hatte "die Ruhe weg". In welchem Bereich sie arbeiten wolle, fragte er. - "Ich glaube nicht, dass man das noch festlegen könnte." - "Nee, aber sagen Sie mal." - "Mit Senioren..." - "In dem Bereich können Sie es total vergessen, da gibt's keine Stellen." Eigentlich erstaunlich. Da rufen Massenmedien seit Jahren den Pflegenotstand aus: "Wohin mit Oma?", titelte im Mai 2005 der SPIEGEL. Es gibt immer mehr Alte und immer weniger Junge um für sie zu sorgen. Und dann soll es nichts zu tun geben? "Da kein Geld da ist", erklärt Sabine, "kommen nur noch Leute ins Altenheim, wo es nicht anders geht. Die brauchen keinen Sozialarbeiter mehr. Und in den Familien, wer soll das bezahlen?" Das größte Problem der Arbeitslosigkeit sieht sie in dem Gefühl nicht gebraucht zu werden. Sie überlegt, sich ehrenamtlich zu engagieren. Ihr Wohnzimmer hat sie in ein Maleratelier verwandelt. Werden Sozialarbeiter wirklich nicht mehr gebraucht? Sabine kennt auch Leute, "die beraten für 1 Euro Hartz-IV-Empfänger. Dabei kriegen sie selbst Hartz IV!"
Sabines Mann Peter (33) bekam sogar einen 1-Euro-Job, der seinen Interessen und Kompetenzen entspricht. Er betreut Fünftklässler an einer Hauptschule. Am Nachmittag wirkt die Schule verlassen, grau, eintönig. Das ändert sich, wenn man Raum 13 betritt. Die Wände sind mit bunten Vögeln und Pflanzen bemalt. Vor einer Sofaecke steht ein Kicker-Tisch. Dann kommen die Kinder reingestürmt. Die Tür knallt. Wildes Durcheinanderreden. Ein Junge spielt mit einem Ball. "Wir (sechs Namen) beachten folgende Gruppenregeln: Keine Prügeleien, Ruhe, gelegentlich Musik, leise bei den Hausaufgaben, Jungen und Mädchen vertragen sich, Teamwork, sich wohl fühlen", steht auf einem Zettel an der Wand. "Die Schüler haben nicht gelernt, Regeln zu befolgen", erklärt Peter. "Es ist schwer hier Schule zu machen. Hier ist es spannender: Einer provoziert, und der andere schlägt nicht zurück. Es ist nicht so schlimm wie bei der Schule in Berlin, aber wehret den Anfängen!" An der Rütli-Schule hatte Perspektivlosigkeit zur Eskalation der Gewalt geführt. "Kann man an der Hauptschule einen Schüleraustausch machen?", fragt ein Junge, der mit seinen Englisch-Aufgaben nicht vorankommt. Viele Schüler stammen aus schwierigen Verhältnissen. "Die Kinder haben hier oft eine bessere Betreuung als zu Hause", erklärt Peter das Konzept der Ganztagsbetreuung. "Sie lernen, sich sinnvoll zu beschäftigen." Am Ende ist er zufrieden. Die Kinder haben einigermaßen vernünftig an einem Tisch gesessen. Die Mädchen hinterlassen zwei eindrucksvolle Fensterbilder. Sollte nicht eine Vollzeitkraft die Kinder betreuen? "Wer soll das bezahlen?", fragt Peter.
Schließlich findet sich doch noch ein Sozialarbeiter mit Vollzeit-Job. Alexander H. (29) berät Gehörlose und vermittelt ihnen Arbeit. Auch das tun Sozialarbeiter. Das Studium bereitet auf Tätigkeiten vor wie Pädagogik, soziale Hilfe und Verwaltung. "Ohne mich wäre so manches Arbeitsverhältnis kaputt gegangen oder gar nicht zu Stande gekommen", erklärt Alexander. Es geht also auch anders: Ein Sozialarbeiter wird fest angestellt und verhilft anderen Arbeitslosen zu Arbeit. Was Alexander stört, ist die Stellung seines Berufes: vergleichsweise geringer Lohn für anspruchsvolle Arbeit. Dann soll auch noch die Arbeitszeit verlängert werden. "In sozialen Jobs kann man das erwarten - dieses Bild in der Gesellschaft finde ich sehr schade." Die Einrichtung arbeitet am Limit, weil die öffentlichen Gelder knapp sind. Sponsoren findet man nur schwer. "Warum bloß", klagt Alexander, "hat ein Tennisturnier mehr Prestige als Sozialarbeit?"
© 2006 Dennis Maciuszek (info at storyautor.de)