FREE RAINER - DEIN FERNSEHER LÜGT
DVD-Rezension © 2008 Dennis Maciuszek (info at storyautor.de)
Rainer produziert Reality-Shows. Unterschichtenfernsehen. Die Quoten ganz oben, das Niveau im Keller, Menschenwürde ein Fremdwort. Doch dann verleitet ihn eine Nahtoderfahrung zum Umdenken. Mit einer Truppe vermeintlicher Zielgruppen-Angehöriger mischt Rainer das Quoten-Geschäft von unten auf.
Der Film beginnt furios. Bereits auf dem Weg zur Arbeit verursacht Yuppie-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) mehrere Verkehrsunfälle, legt sich mit einer Skinhead-Gang an und zertrümmert die eigenen Autoscheiben. Dabei kokst er unentwegt und bedroht zu Hardcore-Musik (Downset: "Anger") imaginär Passanten mit einer Knarre. Blutüberströmt erreicht er das Studio, wo die Live-Übertragung von "Hol dir das Super-Baby" schon in vollem Gange ist. Eine Kandidatin sucht unter drei Möchtegern-Besamern nach dem optimalen Vater für ihren Nachwuchs. Als Preis winkt ein gemeinsamer Aufenthalt im Wellness-Hotel - für einen ganzen Monatszyklus. Schon startet das Televoting, und die virtuellen Spermien rasen über den Schirm, der Ziellinie entgegen. Rainers Show ist der Quotenhit! Doch er macht sich nicht nur Freunde. Pegah (Elsa Sophie Gambard) verlor durch einen vermeintlichen Enthüllungsbericht ihren Mann. Selbstmord. Nun sinnt sie auf Rache und verwickelt ihrerseits den verhassten Produzenten in einen Autounfall. Auf den Operationstisch durchlebt Rainer einen Horrortrip und halluziniert ein dem Glotzen-Wahnsinn verfallenes Publikum. Zurück unter den Lebenden ist er geläutert und plant Wiedergutmachung. Gemeinsam mit der jungen Witwe, einem soziophoben Security-Angestellten (Milan Peschel) sowie einer gecasteten Widerstandsgruppe aus schrulligen Hartz-IV-Empfängern sagt Rainer der quotengesteuerten Verblödungsmaschinerie Fernsehen den Kampf an. Stimmen die Zahlen überhaupt oder sind sie reine Erfindung? Wäre es möglich, die Quoten zu manipulieren und anspruchsvolle Sendungen zu pushen? Die televisionären Freiheitskämpfer eint der Glaube an eine Gesellschaft, die klüger ist als es die Elite gern hätte. Oder zumindest eint sie die materielle Not, die Rainer - vorerst - zu stillen vermag. Doch das TV-Establishment - in Gestalt von Rainers Ex-Boss Maiwald (Gregor Bloéb) - schläft nicht und kommt den Plänen auf die Spur.
Nach zwei experimentellen Psychothrillern - "Das weisse Rauschen" und "Die fetten Jahre sind vorbei", jeweils mit Jung-Star Daniel Brühl - wagt sich der österreichische Regisseur Hans Weingartner nun an eine humorvolle Gesellschaftssatire. Geht das gut? Weingartner hält auch hier an seinem eigenwilligen Stil fest, passt diesen jedoch den veränderten Bedingungen an. Er paart improvisiertes, natürliches Schauspiel - sowohl Routinier Bleibtreu, Newcomerin Gambard als auch Peschel bestechen durch engagierte Darstellung - mit Übertreibungen und Zuspitzungen, die eine Satire nun mal braucht. Reale Sender und Zeitschriftenlogos existieren neben Tretroller fahrenden Vorstandvorsitzenden. So entsteht ein ganz eigener Humor. "Free Rainer" macht Spaß durch skurrile Ideen, die scheinbar spontan die Geschichte in immer wieder neue, wenn auch nicht unerwartete Bahnen lenken. So konnte Weingartner auch nicht widerstehen, einen der besten Gags, ausgesprochen von einem indischen Arbeitslosen, der noch nie vom Regisseur Fassbinder gehört hat, durch das Ensemble nochmals kommentieren zu lassen. Auch in seinem dritten Film drückt Weingartner durch Jump Cuts - Schnitte während einer Kameraeinstellung - aufs Tempo. Doch die Übergänge sind weicher. Kreativer Dilettantismus weicht einem professionellen Look. Was man "Free Rainer" allerdings vorwerfen kann, ist, dass er zu plakativ ist. Noch mehr als sein kapitalismuskritischer Vorgänger "Die fetten Jahre" nimmt der Film kein Blatt vor den Mund. Thematisch gibt es keine Nuancen, keinen Interpretationsspielraum, keine überraschenden Gedankengänge, um - so der ironische Kommentar von Maiwald - "zu beweisen, dass Fernsehen doof macht? Ganz was Neues!" Trotzdem ist die Message wichtig. Es geht nicht nur um Fernsehen oder das Quotensystem. Der Zuschauer soll Gesellschaftsstrukturen hinterfragen. Muss es eine "Unterschicht" geben? Dabei hilft es nur leider wenig, dass Weingartner seine Langzeitarbeitslosen - im Übrigen alle männlich - plump als Trinker, Weltverbesserer und komische Ausländer zeigt. Dafür ist die utopische Welt, die sich entwickelt, als sich Erfolge einstellen und das Volk nach Qualität schreit, schön in Szene gesetzt. Das lässt Schwächen vergessen. "Free Rainer" versinkt nicht in Zynismus. Er macht auf spaßige Art und Weise Mut.
Die DVD ist mit reichhaltigem Bonusmaterial gespickt. Das ansprechend gestaltete Making-of liefert interessante Einblicke. Besonders originell: Drei Sieger eines Kurzfilmwettbewerbs zum Thema - eine prima Idee, die Schule machen könnte.
Fazit:
Plakative, trotzdem hochwertige Gesellschaftssatire, die Spaß macht. Am besten zur DVD greifen, denn ob die Fernsehsender schon Schlange stehen, ist zumindest fraglich...