Drehbuch-Idee

EBBE UND FLUT

Dennis Maciuszek (info at storyautor.de) © 2006

Der folgende Text ist eine Idee zu einem Drehbuch für einen Spielfilm. Ich habe sie als szenischen Umbruch formuliert. Alle Szenen sind in ihrer Reihenfolge aufgelistet. Die Dramaturgie folgt Christopher Voglers Reise des Helden und der 3-Akte-Struktur nach Syd Field. Der szenische Umbruch entstand in einem Drehbuch-Workshop an der Hochschule der Medien Stuttgart (Leitung: Steffen Schönbrunn).

In den letzten Jahren seines Lebens kehrt ein Mann an seinen Heimatort zurück. Er zieht in ein Altenheim, in dem Gefühl, dass bald alles zu Ende ist. Da trifft er im Heim seine erste große Liebe wieder.

[ 1. Akt | 2. Akt | 3. Akt ]


1. AKT

  1. Ein sonniger Herbsttag im Oktober 2006: Ein Passagierschiff kommt im Hafen der Insel Amrum an. (VERLASSEN DER GEWOHNTEN WELT)
     
  2. Ein Taxi fährt durch die Straßen des Ortes Nebel.
     
  3. Das Taxi hält vor einem großen Gebäude. Ein alter Mann steigt aus. Ernst (89, melancholisch und verbittert, herzkrank) will in seinem Heimatort die letzten Jahre seines Lebens verbringen. Der Taxifahrer setzt ihn ab und trägt ihm noch einen einzelnen Koffer hinterher. "War das alles?" - "Mehr brauche ich nicht." (Im weiteren Verlauf wird die Doppeldeutigkeit dieses Dialogs erkennbar.)
     
  4. Das Haus ist ein Altenheim, Ernsts neues und vermutlich letztes Zuhause. Die Pflegedienstleiterin empfängt Ernst an der Tür. Sie ist überschwänglich freundlich. (RUF DES ABENTEUERS)
     
  5. Innen: Die Pflegerin bringt Ernst zu seinem Appartement, zeigt ihm kurz das möblierte Wohnzimmer und das Bad. Er muss einige Formulare ausfüllen. Sie ist fröhlich, er wortkarg. Sie fragt ihn, ob sie ihm gleich das Haus zeigen soll. Er verneint. (WEIGERUNG)
     
  6. Dann packt er seine Sachen aus. Es ist nur das Nötigste: Kleidung, die er grob im Zimmer verteilt, Sanitärartikel... Er schluckt eine Herztablette. Dann setzt er sich an den Tisch, zieht ein Notizbuch und einen Füllfederhalter hervor und beginnt zu schreiben: "Die Memoiren des Ernst Grimm". Ernst probiert verschiedene Anfänge aus (erzählt als Voiceover): Kindheit in Nebel, während der nichts Aufsehen erregendes passierte. Eine späte Hochzeit, die nicht lange währte. Kriegsjahre, die er als Exilant in Frankreich verbrachte. Harte Arbeit als Lagerarbeiter im Hafen von Marseille. Nichts stellt ihn zufrieden, nichts führt er weiter aus. Eine antagonistische Kraft scheint ihn zu hindern: Ernst ist unzufrieden damit, wie sein Leben verlaufen ist, aber er will es immerhin zu einem vernünftigen Schluss bringen. Zwischendurch kommt einmal der Heimleiter rein. Dann der Hausmeister. Alles störende Elemente. Schließlich bleibt Ernst doch bei einem Thema hängen: seiner ersten großen Liebe aus der Schulzeit. Er war 15 und zu schüchtern, um sie kennen zu lernen. Dann begann die Nazizeit und seine Familie musste fliehen. Er beschreibt Clara aus seiner Klasse, die er vergeblich aus der Ferne begehrt hat. Ernst ist überrascht von dieser intensiven Erinnerung. Er schließt sogar die Tür zu, damit niemand seinen Schreibfluss stört. Er fertigt eine Skizze an: Clara mit hellem Haar, das von einem Haarband zusammengehalten wird. Dann klingelt es mehrfach an der Zimmertür. Die Pflegedienstleiterin vom Anfang steht draußen: Es gibt Mittagessen im Speisesaal. (MENTOR)
     
  7. Sie begleitet Ernst nach oben und weist ihm einen Platz an einem Tisch zu, an dem nur Männer sitzen. Ernsts Blick schweift über den Saal. Da blickt ihn eine Frau mit weißem Haar an, das von einem violetten Haarband zusammengehalten wird: Clara! (PLOTPOINT 1)
     

2. AKT

  1. Ernst zieht sich wieder in sein Zimmer zurück. Er versucht das Gesehene zu ignorieren. Schließlich ist er hier, um seine Memoiren fertig zu stellen. Schnell kommt er aber wieder auf das Thema zurück. Dann klingelt ein Zivi, um Ernst zum Essen zu rufen. (Die Bediensteten müssen denken, dass Ernst vergesslich ist, dabei hat er einfach kein Interesse an gesellschaftlichen Aktivitäten.)
     
  2. Auf dem Weg fragt Ernst den Zivi beiläufig, ob der eine Freundin hat. Der erteilt gerne Auskunft.
     
  3. Diesmal überwindet sich Erst und spricht im Speisesaal die gehbehinderte Clara an, bevor sie mit ihren Freundinnen den Raum verlassen hat. Es kommt zu einem knappen Dialog, in dem sie feststellen, dass sie einmal Klassenkameraden waren, jedoch nie sonderlich viel Kontakt hatten. (ÜBERSCHREITEN DER ERSTEN SCHWELLE)
     
  4. In einer Sitzecke versucht Ernst wieder zu schreiben. Er bricht jedoch schnell ab und betrachtet Clara durch eine Scheibe. Sein Dilemma wird deutlich: Soll er sein Leben vernünftig abschließen, indem er seine Memoiren schreibt, oder soll er oder aufs Ganze gehen und noch einmal etwas Großes erleben?
     
  5. Ernst kommt etwas aus sich raus und nimmt zum ersten Mal an der "Bastelstunde" teil. Dort sind auch Clara und ihre zwei Freundinnen. Es kommt zu einem Streit mit ihnen. (BEWÄHRUNGSPROBEN, VERBÜNDETE, FEINDE)
     
  6. Ernst ist wieder in seinem Zimmer und hat das Notizbuch vor sich liegen. Er kann nicht anfangen, nimmt stattdessen eine Herztablette. Er geht nervös im Raum umher. Dabei stößt er einen Blumentopf um. Er klingelt um Hilfe. Der Zivi kommt und beseitigt die Folgen des Missgeschicks. Dabei reden die beiden ernsthaft über Beziehungen. Man merkt, wie Ernst langsam aufblüht.
     
  7. Ernst klingelt bei Clara. Er fragt, ob sie Lust hat, mit zum Strand zu kommen. Er wollte dort spazieren gehen. Sie ist überrascht von diesem Vorschlag. Eigentlich kann sie nicht weit gehen. Er will sich schon wieder verabschieden, als sie überraschend doch "Ja" sagt. (VORDRINGEN ZUR TIEFSTEN HÖHLE)
     
  8. Am Strand. Parallel zum Wechsel von Ebbe zu Flut entwickelt sich ein intensives, sehr emotionales Gespräch zwischen den beiden - über ihre Schulzeit, was aus ihnen geworden ist, den Sinn des Lebens... Ernst ist wieder verliebt! Und überraschender Weise scheint auch Clara von ihm und der Situation fasziniert zu sein. Sie erzählt dann auch viel von sich. Keineswegs ist sie die perfekte Person, als die sie Ernst immer betrachtet hat. Auch sie erzählt von verpassten Chancen, dass ihr Mann gestorben ist, dass sie gern Kinder gehabt hätte, dass sie unglücklich war, weil sie ihren Beruf als Buchhändlerin aufgegeben hat - und dass sie sich immer gewünscht hat eine Weltreise zu unternehmen. In einem Moment der Unvernunft beschließen sie, ihr gesamtes Gespartes zusammen zu schmeißen und so eine Reise jetzt zu machen. "Rom ist schön", schlägt Ernst vor, der in der Welt schon weiter rumgekommen ist. (ENTSCHEIDENDE PRÜFUNG, MIDPOINT)
     
  9. Man sieht die beiden vergnügt in einem Flugzeug. (BELOHNUNG)
     
  10. In Rom haben sie zunächst viel Spaß. Sie flirten in einem Café und sprechen mit dem Kellner Italienisch, wobei sie sich gegenseitig unterstützen.
     
  11. Bei einem Konzertbesuch erleidet Ernst einen kleineren Herzanfall.
     
  12. Beim Arzt überlegen sie, ob sie frühzeitig zurückreisen sollen. Ernst aber entscheidet sich fürs Bleiben.
     
  13. Clara päppelt Ernst im Hotel liebevoll wieder auf. Sie verwöhnt ihn, er genießt es.
     
  14. Überraschender Weise ist es dann Clara, die einen Unfall hat und beim ersten Ausflug nach Ernsts Krankheit die Spanische Treppe herunterstürzt. Es gibt noch eine dramatische Rettungsaktion mit Krankenwagen.
     
  15. Doch im Krankenhaus stirbt Clara. (PLOTPOINT 2)
     

3. AKT

  1. Ernst reist deprimiert zurück. Er trägt Schwarz, spricht mit niemandem, isst nichts. (eine Szene im Flugzeug) (RÜCKWEG)
     
  2. Zu Hause kümmert er sich um Claras Begräbnis. (eine Szene im Bestattungsinstitut)
     
  3. In der Trauerfeier resümiert der Pastor das Leben der Verstorbenen. Es kommt erstaunlich viel zusammen. Am Ende der langen Rede wird auch Ernst erwähnt. Er ist gerührt. (AUFERSTEHUNG)
     
  4. Ernst nimmt Abschied am Grab, legt einen Kranz nieder. Der Zivi mit seiner Freundin ist da. Sie sprechen Ernst stumm ihr Beileid aus. Das tun am Ende sogar auch Claras Freundinnen.
     
  5. Ernst sitzt wieder einsam in seinem Altenheimzimmer, abgeschottet von der Außenwelt. Die Musik aus dem italienischen Konzert läuft im Hintergrund. Ernst schreibt seine Memoiren neu - diesmal aber aus einem Guss, von A bis Z. (RÜCKKEHR MIT DEM ELIXIER)